Auf dem Landweg nach New York - Teil III

Teil III

They are on the road now

Eine laue Spätsommernacht im September. Der Vollmond, der sich ab und an hinter ein paar dunklen Wolken versteckt, beleuchtet düster das kleine Örtchen Kühdorf mitten in Thüringen. Wenn ich nicht vorhätte, mich persönlich von den fünf Verrückten zu verabschieden, ich wüsste nicht einmal, dass es dieses Nest überhaupt gibt. Da ich aber nicht beim heutigen Start des leavinhomefunktion Projektes in Halle dabei sein konnte, wollte ich wenigstens die Gelegenheit beim Schopfe greifen, Johannes, Elisabeth, Lisa, Sven und Anne an ihrem ersten Etappenziel auf dem Weg nach New York zu treffen.

Es ist der 7. September 2014. Vor wenigen Wochen noch ein Tag weit weg im Kalender. Ein Tag wie jeder andere für die meisten von uns. Ein denkwürdiger Tag für einige Menschen.

Nicht, weil der 07.09.2014 der 250. Tag des gregorianischen Kalenderjahres ist. Nicht, weil heute vor 95 Jahren die erste Waldorfschule in Stuttgart eröffnet wurde oder der deutsche Afrikareisende Heinrich Barth auf den Tag genau vor 161 Jahren Timbuktu betrat. Auch nicht, weil der Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, vor 27 Jahren die Bundesrepublik Deutschland besuchte, oder der französische Polarforscher Jules Dumont d’ Urville mit den Schiffen Astrolabe und Zèlèe zum Südpol aufbrach, wenn schon wir bei letzterem der Sache doch etwas näher kommen.

Auch, dass vor 107 Jahren ein britischer Passagierdampfer namens RMS Lusitania seine Jungfernfahrt von Liverpool nach New York startete, ist nicht unbedingt denkwürdig.

Das selbe Ziel jedoch haben die fünf jungen Künstler aus Halle, die an diesem siebten September 2014 pünktlich um vier Uhr Nachmittags die heiligen Hallen der Büschdorfer Straße in Halle verließen, um endlich, nach einem halben Jahr intensiver Vorbereitungen, in ihr ganz persönliches Abenteuer aufzubrechen.

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Sven mimt den dark STAR – Fertigmachen zum Aufbruch – Foto: René Schäfer

Etwa fünfzig Menschen waren gekommen, um dabei zu sein, wenn die Kickstarter der fünf Ural – Maschinen zum ersten mal auf dieser Reise nach unten getreten werden, das Röhren der Boxermotoren die Scheiben des Ateliers der Künstler zum Vibrieren bringen und sich das Quintett aufmacht gen New York.

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Wenige Minuten vorm Start in der Büschdorfer Straße in Halle – etwa fünfzig Menschen waren gekommen, dabei zu sein, wenn es heißt: es geht los! – Foto: René Schäfer

Unter den Fünfzig viele Freunde und Bekannte. Hier und da fließen Tränen. Eine letzte Umarmung, ein letztes Mal in die Augen des Freundes, der Freundin sehen, ein letztes Mal „gute Reise“ wünschen und viel Glück und ein letztes Mal das kleine bisschen Hoffnung der Verwandten, dass gleich einer die Farce auflöst und sagt, dass all das nur ein schlechter Scherz gewesen ist.

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Effy, die zypriotische Grafikerin, die die Fünf mit aufopferungsvoller Arbeit unterstütze im Beiwagen, Johnnes, kurz vorm Start – Foto: René Schäfer

Hoffnung, sagt man, stirbt zuletzt. Denn der Plan war genauso wenig ein Scherz, wie die vielen Stunden Arbeit, die in den Vorbereitungen für die Reise stecken.

Seit mehr als einem halben Jahr arbeiten die Fünf sieben Tage die Woche, manchmal elf, zwölf Stunden am Tag. „Man setzt sich nicht einfach auf die Karre und fährt los, das würde ja gar nicht gehen!“ -erklärte mir Johannes, als wir uns zum ersten Mal über das Vorhaben unterhielten.

Und doch, über all diese Hoffnung raubenden Fakten hinweg, dachte so mancher bis zum Schluss, alles sei nur ein böser Traum, alles könne noch irgendwie aufgehalten werden, irgendwer kommt und bringt die „Draufgänger“ zur Vernunft.

Als ich am Freitag vor der Abreise in Halle war, um der Abschiedsparty beizuwohnen, sprach mich Johannes Vater zwischen tanzenden, angetrunkenen vorwiegend jungen Menschen an, ob ich nicht noch einmal ein ernstes Wort mit seinem Sohn wechseln könne. Ich suchte das ironische Lächeln in seinem Gesicht, doch da war Sorge, ja, da war Angst. Ich kenne Johannes Vater schon eine Weile, weil ich Johannes selbst schon recht lange kenne. Ich weiß um seinen ironischen, ja, ofthin sarkastischen Humor und dachte, auch jetzt scherzt der hagere Mann mit den dunklen kurzen Haaren, der seinem Sohn beinahe wie ein (älterer) Zwilling ähnelt.

Johannes’ Vater ist ein kritischer Mensch, einer, der selbst eine bewegte Jugend hatte und ich glaubte, gerade das lässt ihn verstehen, was der Drang nach Freiheit bedeutet, der so unbändig sein kann, dass er alle Vernunft zu überdecken imstande ist. Allerdings habe er nur wenig Verständnis „für diese Dummheit“ und er hoffe, so sagte er mir, dass noch vor dem großen Start eben jene Vernunft sich ans Licht der Einsicht durchgrabe, das von jenem Drang nach Freiheit verdunkelt ist, wie ein tiefdüsterer Abendhimmel an einem grauen November.

Natürlich sei er auch ein bisschen stolz auf seinen Sohn und die anderen Vier, sagte er, und doch, besser sei es, sie würden am Sonntag alles auflösen, lächeln und sagen: „Wir haben euch alle schön verarscht.“

Ein irrealer Wunsch, wenn auch ein verständlicher. Vater oder Mutter der Fünf zu sein, ist gerade in diesen Tagen ganz sicher nicht leicht.

Trotzdem, die Motoren dröhnen, die Gespanne sind auf dem Weg. Angepeilt ist Thüringen, wenn nichts schief geht, will die Karawane gegen Abend im thüringischen Kühdorf sein, um hier bei Elisabeths Eltern einen letzten heimatlichen Zwischenstopp einzulegen, bevor es dann endgültig heißt: „We are on the road now“.

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on the road now – Foto: René Schäfer

Gemeinsam mit ihrem Verleger Tom, und zwei weiteren Ural-Gespannen von Bekannten der Fünf, unter Anderem einem begnadeten Schrauber, der sich einfach nur den Capt’n (später mehr über ihn) nennt und der eigens aus Detmold angereist war, geht es nun endlich los.

Die Straße ruft. Es hat lang genug gedauert. Jetzt heißt es: Nichts wie raus! Die Motoren knattern, Steine fallen wie Felsen von fünf Herzen, Hände drehen den Gasknauf, die Kupplung wird gelöst, es beginnt ein Abenteuer.

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Pressefoto auf der Raste – Foto: Rene Schäfer

Ich sitze wie auf Kohlen an diesem Sonntag Nachmittag. Alle paar Minuten schaue ich abwechselnd auf die Uhr, dann aufs Handy und wieder auf die Uhr. Nervös, obwohl ich im Grunde nichts mit der Reise zu tun habe, abgesehen von meiner ganz persönlichen Berichterstattung und der Tatsache, dass ich die Fünf inzwischen als so etwas wie Freunde sehe. Und so bin ich auch erleichtert, als das Telefon klingelt und Sven mir mitteilt, dass sie soeben unversehrt und pannenfrei angekommen sind.

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Karten lesen – eine der Hauptbeschäftigungen in den nächsten zwei Jahren – Foto: René Schäfer

Es ist schon dunkel, als ich in Kühdorf ankomme. Ich steuere meinen Renault durch das lang gezogene Dorf, bis ich auf einer Art Parkplatz die Maschinen stehen sehe. Davor steht Anne in inniger Umarmung mit ihrer Schwester. Ein Abschied mehr, der schmerzlich ist. Ich parke neben einem olivgrünen LKW Marke Steier. Baujahr ’76, erzählt mir sein Besitzer Tom, der Verleger von „Gedacht-Gemacht“, dem Buch, über eine ähnlich waghalsige und abenteuerliche Reise. 2010 brachen drei der Fünf, Elisabeth, Sven und Johannes auf in Richtung Indien. Nicht auf Urals, dafür aber auf klapprigen Simson S50 Mopeds. Davon erzählt das Buch. Und Tom, vom Verlag Edition Monsenstein & Vannerdat, will auch über den Trip nach New York ein Buch herausbringen. Wieder mit Zeichnungen, Tagebucheinträgen und Fotos.

Anne und ihre Schwester stehen nun schon einige Minuten ohne sich zu rühren. Die Umarmung scheint fest und es ist, als wollten sie ewig so stehen. Sich von lieben Menschen zu trennen, fällt schwer. Sich von Geschwistern zu trennen erst recht. Vor allem, wenn die Trennung über zwei Jahre dauern wird und die Reise nicht ungefährlich ist. Und doch, die Zeit kneift und lässt sich nicht auf ewig herauszögern. Ein letzter Blick ins Augenpaar des Gegenübers, ein letztes Mal „auf Wiedersehen“ sagen. Die Beiden wischen sich die Tränen aus dem Gesicht, Annes Schwester steigt in ihr Auto und fährt traurig winkend davon.

Inzwischen steht ein groß gewachsener Mann mit Schnauzbart neben mir und stellt sich mir als Annes Vater vor. Ich erzähle ihm, wer ich bin und frage, was er von der Sache hält. „Großartig finde ich das!“ sagt er aufgeregt. „Vor zwanzig Jahren wäre ich mitgefahren!“ Wohl der einzige Vater, der das so sieht. Der von Elisabeth, der nun auch neben mir steht, hält sich bedeckt, will nicht so recht auf das Thema eingehen, hat den Fünf bei ihrer Ankunft vor zwei Stunden allerdings einen gebührenden Empfang gegeben. Mit Drehorgel und einer zehn Minütigen Hommage auf das Reisen, die Motorräder und die fünf Künstler selbst, stand er da, wo wir jetzt stehen und sang „freestyle“ quasi ein spontan gereimtes Lied.

Annes Vater erzählt mir von seinen Reisen, davon, dass er selbst viel in der Welt unterwegs ist und verstehen kann, dass es die jungen Menschen nach draußen zieht. Ein bisschen neidisch sei er, denn er würde gern mit, aber das ließe sein Alter nicht mehr zu.

Ich werde auf die Terrasse des Cafés eingeladen, das Elisabeths Eltern hier in dem Örtchen nahe Greiz, 20 Km von Gera entfernt, zwischen den Autobahnen 4 und 9 betreiben. Hier sitzen die Anderen um einen Tisch herum, auf dem ein Kerzenständer Bier- und Weinflaschen beleuchtet.

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erstes Etappenziel Kühdorf – letzter Abend mit den Lieben – Foto: M.Kruppe

Ich setze mich, nach herzlicher Begrüßung, dazu, nehme mir ein Bier und frage, wie der Start heute Nachmittag in Halle war. Die Fünf schwärmen. Dass so viele Menschen zum letzten Gruß erscheinen würden, hätten sie nicht gedacht, sagt Elisabeth. Johannes Mutter, die es sich nicht hat nehmen lasse, auch noch ein letztes Mal ihren Sohn zu sehen, ergänzt: „Es war so schön, als ihr losgefahren seid. Ich hatte richtig Gänsehaut. Ja, es war wirklich sehr schön. Schön und auch traurig.“ Einer eurer Bekannten saß am Eingang des Ateliers und hatte echt Tränen in den Augen!

Als ich am Freitag vor der Abreise, auf der Abschiedsparty, mit ihr sprach, schalt sie das Unternehmen eine „egoistische Dummheit“. Da war Wut in ihrer Stimme, die Wohl der Hoffnung wich, ihr Sohn und die Anderen würden es sich noch einmal überlegen. Dennoch stand sie von Anfang an hinter den Künstlern und half, wo sie konnte.

Elisabeth überlegt kurz. Vielleicht kämpft sie auch gegen die Tränen an, die ihr in den Augen stehen, als sie erzählt, dass es schon schwer gewesen sei, nun endgültig „Tschüss“ zu sagen. „Du begreisft plötzlich, dass du all das, was dich eben noch umgab, die nächsten zwei Jahre nicht sehen wirst. Deine Freunde und Verwandten, die gewohnte Umwelt und alles, was eben mit deiner Wohn- und Wirkungsstätte zu tun hat.

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Nächtlich spontanes Interview mit einer großen deutschen Autozeitschrift – Foto: M.Kruppe

Es ist still. Die Grillen zirpen an diesem Septemberabend, als wollten auch sie Abschied nehmen. Der Mond, der ab und an hinter dunklen Wolken verschwindet, vervollständigt die Atmosphäre. Johannes, Sven und Tom reden über die letzten Arbeiten an den Motorrädern, Anne und ihr Vater sitzen Arm in Arm auf der hölzernen Bank und schweigen.

Zeit für mich, zu gehen. Alle sind recht fertig. Von dem langen Wochenende. Von der Party am Freitag, die gut besucht und ausgelassen war. Vom Ausräumen der Wohnung und fertig auch von der ersten Etappe.

Nun sind sie also unterwegs. Auch mir wird erst jetzt wirklich bewusst, dass wir uns nun zum letzten Mal persönlich sehen. Ich erwische einen wehmütigen Gedanken und jage ihn zum Teufel, schließlich werden wir schon morgen telefonieren, wir werden mindestens alle zwei Wochen von einander hören, werden skypen und mailen.

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Abschiedszenen – Foto: M.Kruppe

Ich verabschiede mich. Die Fünf begleiten mich noch hinaus auf den Parkplatz, der so idyllisch im Licht des Vollmondes liegt. Aufstellung für ein letztes Foto.

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Das letzte Bild, bevor auch ich mich verabschiede – Foto: M.Kruppe

An die Umarmungen habe ich mich inzwischen gewöhnt, aber diese letzten Umarmungen sind fester, sind inniger, sind herzlicher. Wieder muss ich mich zusammenreißen, das Feuchte in den Augen zurückzuhalten. Es fällt mir schwer, zu gehen. Und doch reiße ich mich recht schnell los, steige ins Auto, und fahre davon. Ich hasse Abschiede.

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