Auf dem Landweg nach New York - Teil V

Teil V

Warten auf ein Telefonat

Wie auf Kohlen saß ich den ganzen Tag, das Telefon stets griffbereit neben mir und wartete auf den angekündigten Anruf von Elisabeth. Immer, wenn das Festnetztelefon an meinem Arbeitsplatz klingelte, schoss mir die Phrase „jetzt aber“ wie ein 9mm Projektil durch den Kopf, schlug gegen die Innenwände und barst wie dünnes Glas, als dann doch durch die Hörmuschel eine andere Stimme zu hören war. Wieder nicht. Mit dem Platzen des Glasgeschosses kam Enttäuschung.

Und es sollte so bleiben. Bis zum Feierabend klingelte das Telefon ausschließlich wegen anderer Dinge. Büroalltag. Hatte ich Elisabeth die richtige Festnetznummer geschickt? Hatte ich vielleicht einen Zahlendreher in der Angabe? Das Dorf nahe Pößneck, wo ich arbeite, ist eins der vielen kleinen Enklaven, die vom Handynetz weitestgehend ausgeschlossen sind. Um mit dem Mobiltelefon erfolgreich das tun zu können, was man mit einem Mobiltelefon für gewöhnlich tut, muss man dort auf einen Berg steigen, um wenigsten zwei Balken in der Empfangsskala zu haben. Zwei- drei Mal prüfte ich im Postausgang meine Antwort auf Elisabeths SMS von gestern: “Sind jetzt Ungarn. Melden uns morgen früh telefonisch. Gruß Elle.

Kein Zahlendreher. Alles korrekt. Aber warum rufen sie dann nicht an? Enttäuscht und mit einem gehörigen Maß schlechten Gewissens, schließlich gehe ich davon aus, dass viele unter euch gespannt sind, wie es denn weitergeht mit unseren fünf Abenteurern, kam der Nachmittag, meine Hoffnung sank.

Ein Motor per Post

Zu Hause verwerte ich die kurze Mail von Johannes, baue den nächsten Teil zusammen, als mein Handy klingelt. Inzwischen ist es beinahe acht Uhr Abends. Widerwillig gehe ich ran, denn im Schreiben gestört zu werden macht mich nicht selten wütend. Elles Stimme. Meine Laune ist schlagartig besser. „Hey Kruppe..“ sagt sie und lacht „ist etwas später geworden.“ „Ja.“ antworte ich „lieber spät als nie, nicht wahr?

Ich brauche gar keine Fragen zu stellen. Elle brettert direkt los und erzählt von Bayern, von einer kaputten Bremsstange und einer Schweißreparatur in einer freien Werkstatt, von Ollis Motoflott (http://www.motoflot.de/index.htm) in Inkofen/Schierling nahe Regensburg, wo die Fünf nicht nur nächtigten, sondern auch großzügig mit Sachspenden ausgestattet wurden. Sie erzählt von Österreich, von einem kaputten Motor, von einem Telefonat mit dem Verleger Tom van Endert, der –wie bereits erwähnt- selbst Schrauber und Liebhaber alter Gefährte ist, der mit seinem Verlag speziell das Schrauber-Klientel bedient. Daher hat er natürlich auch einige „Connections“ wie man heute sagt. Vitamin B, wie man zu DDR-Zeiten sagte, wobei das B hier für „Beziehung“ steht. Schnell ist eine Lösung gefunden, die zwar ein wenig dubios anmutet, aber die Einzige ist. Es findet sich ein Motor. Tom setzt sich ins Auto, trifft sich mit den unbekannten Anbietern auf einem nächtlich dunklen Parkplatz, dreihundert Euro hin, Motor her und ab dafür. Auf dem Postweg nach Linz (Österreich).

In Linz nämlich sind die Fünf gestrandet. Und zwar nicht irgendwo in der Landeshauptstadt von Oberösterreich, sondern mittendrin im Traum eines jeden Ural-Fahrers. Die Ural Motorcycles GmbH ist das „Bindeglied des Ural Werks zu den Ural Händlern“ in Europa, lese ich auf deren Website. Hari Schwaighofer (Geschäftsführer) ist quasi Generalimporteur der heutigen Ural-Gespanne. Die Fünf, so erzählt mir Elisabeth, wurden sofort herzlich aufgenommen.

p-a-r-a-d-i-s-e

Gemeinsam wurde versucht, Svens defekten Motor wieder gangbar zu machen. Doch die Diagnose Pleuelschaden bedeutete nur eins: Dieses Herz schlägt nie wieder.

Außerdem bekam Annes Ural einen neuen Tank, da der alte sich von innen auflöste. Der Lack innen vertrug das Benzin nicht. Demzufolge war auch ständig die Spritzufuhr verklebt, wie Tom van Endert auf seinem eigenen Blog über die Fünf schreibt. (http://www.monsenstein-und-vannerdat.de/LeavinghomeFunktion_68.html)

Die Zeit des Wartens auf den von Tom besorgten Motor, verbrachten sie also auf Einladung hier im Paradies. Schlafen durften sie in den Verkaufsräumen, wo eine Menge Ural-Motorräder stehen, wo tausende Ersatzteile lagern, wo man sich einfach aus dem Staub machen könnte, mit neuen Maschinen, mit allem, was man so braucht, für die Reise. „Das ist ein riesiges Maß an Vertrauen und Herzlichkeit, was uns hier entgegengebracht wurde.“ sagt Elle. Ihr ist die Euphorie, die diese Situation ausgelöst haben muss, noch deutlich anzuhören. Denn nicht nur eben diese Herzlichkeit, eben dieses Vertrauen, schließlich übernachteten die Künstler allein in der Ural Motorcycles GmbH, sollten für die Fahrt nach New York von Bedeutung sein, sondern ein noch größeres Geschenk als die Buchung eines 1200,- Euro Perks, welches die Geschäftsleitung auf der Crowdfunding-Seite des Leavinhomefunktion – Projektes tätigte.

wow

Nach zwei Tagen Warten kam der neue alte Motor an. Sofort wurde dieser in Svens Maschine gebaut und gedanklich war man schon wieder auf der Straße, den Fahrtwind durch das offene Visier im Gesicht, endlich auf dem Weg nach Ungarn. Gedanklich! Denn kurz nach dem Einbau stellte sich nicht nur Ernüchterung ein, sondern auch heraus, dass die Dreihundert Euro eine Fehlinvestition waren. Gut gemeint ist selten gut gemacht. Der neue Motor, genauso Schrott wie der alte. Scheiße! Ich kann mir gut vorstellen, wie hier geflucht wurde, wie hier Träume anfingen, Risse zu bekommen, wie hier fünf Menschen fast verzweifelten.

Irgendwie müssen sie ja nach New York kommen

Sei es aus Mitleid, sei es, weil die Damen und Herren der Ural Motorcycles GmbH selbst Feuer und Flamme für das Projekt sind, der Grund ist am Ende egal, denn was nun, inmitten des sterbenden Traumes, inmitten von Enttäuschung, Wut, Traurigkeit und fliehendem Mut geschah, konnten die Biker selbst kaum glauben. Irgendwie müssen sie ja nach New York kommen, dachte sich wohl die Geschäftsleitung und die Mitarbeiter und standen plötzlich mit einem neuen Motor, mit einem NIGELNAGEL- neuen Motor neben den Verzweifelten, die ihren Augen nicht trauten, die ablehnen wollten, weil sie das nötige Geld dafür nicht haben.

some-trivial-reparation

Das Wort „Geschenk“ muss ein Kick gewesen sein, den sich unsereins wahrscheinlich nicht im Ansatz vorstellen kann. Ungläubige Blicke aus weit aufgerissenen Augen. Fassungslose Gesichter. Freudentränen. Es konnte also weitergehen. Und aus der mittelklassigen Maschine, an der Svens Herz am meisten hing, weil er mit ihr schon in der Zeit der Vorbereitungen viele, viele Stunden des Schraubens zubrachte, wurde ein Superbike. Das nun am besten funktionierende Motorrad des Fünfertrosses. Und so wurden zum Abschied nicht nur Telefonnummern getauscht, sondern auch Umarmungen, tausend Worte des Dankes und los ging es. On the road again. Straight direction Hungary.

Und von dort aus spricht Elisabeth auch gerad zu mir. Speziell aus Tinnye in Ungarn. Exakt 802 km entfernt von Halle/Saale, auf dem kürzesten Weg. Hier verbrachten sie vor vier Jahren schon einmal ein paar Tage. Hier stand die Simson S50 Expedition kurz vor dem Aus, wenn nicht findige Mechaniker einen defekten Motor (was für ein Zufall) wieder zum Laufen gebracht hätten. (Wie genau das geschah, und was es heißt, wenn man Motor spalten sagt, erfahrt ihr in dem Buch „Gedacht-Gemacht“). Hier sollte der nächste Halt, der nächste Überraschungsbesuch stattfinden. Bei eben jener Familie, bei der sie vor vier Jahren unterkamen.

Und dort sind unsere fünf Freunde seit zwei Tagen. „Die sind alle so nett, so gastfreundlich. Die wollen uns gar nicht wieder gehen lassen. Wir werden bekocht, wir werden gefüttert, wie schon in Österreich von Lucky und in der Ural Motorcycles GmbH. Wir haben alle schon so viele Fettreserven angefüttert bekommen, dass wir uns wegen Sibirien keine Sorgen mehr machen müssen!“ scherzt Elle und erzählt weiter, dass gestern Annes Räucherofen zum ersten zum Einsatz kam. Gemeinsam mit der Gastgeberfamilie wurde geräuchert, gegessen, getrunken, gelacht und schlussendlich geschlafen.

silence-before-the-storm-tomorrow-we-ll-move-on

Wir sind eine übelste Erscheinung“

Wie es ihnen geht, will ich wissen und Elisabeth erzählt mir, dass alles super ist. „Wir hatten seit Tagen keine Panne mehr, werden überall erst skeptisch beäugt, dann aber doch gegrüßt und wo wir Halt machen, herzlich empfangen. Die Leute wollen uns einladen, zum Essen, zum Trinken, zum Schlafen und am liebsten nicht wieder gehen lassen.“ sagt sie und fügt lachend hinzu: „Wir sind schon eine übelste Erscheinung. Egal wo wir lang kommen, fährt das erste Motorrad unseres Trosses an Passanten vorbei, wir noch ungläubig geguckt, spätestens beim dritten aber grinsen die Leute und winken.

Die SIM Karten, die den fünf Ural-Fahrern zugesagt worden, sind noch nicht da, weswegen sie zur Zeit noch relativ wenig Kontakt zu den Daheimgebliebenen halten können. Alle notwendigen Telefonate werden derzeit noch über Annes Handyvertrag erledigt, und aus diesem Grund müssen auch wir jetzt langsam Schluss machen. Morgen, erzählt Elisabeth abschließend, wollen sie aufbrechen, die gastfreundliche ungarische Familie verlassen, denn, so schön es hier auch sei, die Zeit ist gnadenlos und die Visa der Fünf begrenzt. Weiter soll es gehen nach Serbien, Bulgarien, Griechenland, die Türkei, um dann in Georgien das Winterlager aufzuschlagen.

Ich bin gespannt und freue mich auf unser nächstes Gespräch.

Meine letzte Frage gilt dem Crowdfunding-Projekt, denn das schleppt sich derzeit ein bisschen. Der Vertragspartner Vodafon ist nun offiziell mit im Boot, und verdoppelt jeden Euro, der eingeht. Aus diesem Grund sei an dieser Stelle noch einmal aufgerufen: Werde Teil der Reise, wenn du es nicht schon bist. Schau im Netz unterhttps://www.indiegogo.com/projects/leavinghomefunktion-on-the-landway-to-new-york und such dir dein Perk aus. Hilf, die Reise möglich zu machen.

first-advances-with-our-new-wind-up-toy