Lokale Begebenheiten... 

 

Es ist durchaus interessant, wie Sprache immer wieder verstanden werden WILL, vor allem dann, wenn es um offenbar kontroverse Personen in einem gewissen (Zwangs-)Kollektiv geht. Da werden Sätze verstanden, wie sie der oder die Lesende eben verstehen will, ohne auch nur den vagen Versuch zu unternehmen, Gesagtes, oder Geschriebenes zu hinterfragen, was durchaus eine Option wäre, ja, hin und wieder sogar ein Grund, etwas zu sagen, oder zu schreiben. Doch statt dem Urheber einer für offensichtliche Empörung sorgenden Aussage eine Frage zu stellen, so eine einfache, wie etwa" "Wie haben Sie das gemeint?" wird hingenommen, angenommen und mit vagen Vermutungen operiert, die nicht einmal Vermutungen sind, sondern in den Köpfen der Lesenden schier faktische Aussagen ohne Wenn und Aber.

Auch ist es erstaunlich, wie ein offensichtlich unliebsamer Mensch eine ganzen Gruppe, ja, ein komplexes Projekt verkörpern kann. Das könnte mich an dieser Stelle froh und stolz stimmen, denn so erweist sich, dass man die Personalie Ronny Müller durchaus auch aus der Ferne beobachtet. (Warum eigentlich? Das muss ja schon auch einen Grund haben!). Allerdings bin ich weder froh, noch stolz, denn um stolz zu sein, muss mensch etwas schaffen, oder erschaffen, muss etwas tun, das als Herausragend zu bezeichnen wäre und das habe ich nie getan. Freude verspüre ich da ebenwenig, denn wegen einer Aussage meinerseits wird ein ganzer Schlag Menschen vorverurteilt und mein Satz wird mehr als zwanzig Leuten gleichsam in den Mund gelegt, was ich als vermessen, unbedacht und im Eigentlichen sogar beschämend bezeichnen würde, denn dies setzt voraus, dass all diese Menschen keine eigenständigen Individuen sind. Mit Verlaub: das ist Blödsinn. 

 

Dem Sympathisanten eines Projektes so viel Wortmacht zu verleihen, dass er für eben dieses gesamte Projekt spricht, obschon er gerade so inaktives Mitglied dieses Projektes ist, zeugt von einem doch recht großen Maß an Verkennung der Eigentlichkeiten. Daraus resultiert für mich die Erkenntnis, dass man sich gar nicht mit dem Projekt als solchem beschäftigen WILL. Diesen Satz allerdings lasse ich an dieser Stelle als Frage stehen! Ich hoffe, dass das auch die stillen Beobachter*innen und heimlichen Verehrer*innen meiner hiesigen Seite und deren Posts verstehen wollen und/oder können?! 

Und um die Aufregung, die dieser gesagte Satz ausgelöst hat ein wenig abzuschwächen: Durch meine Arbeit habe ich hier bei Facebook eine Großzahl an "Freunden", die nicht aus Pößneck, ja, nicht einmal aus der näheren Umgebung, nicht aus Thüringen, nicht aus Ostdeutschland stammen. An diese Vielzahl richtete sich die Aussage bezüglich des mangelnden Interesses am Pößnecker Stadtrat. Dass "mein Interesse" an diesem Stadtrat begrenzt ist, hat seine Gründe, die ich durchaus gern auf Anfrage der Betroffenen, Schockierten und Empörten, darlege. Und diese Aussage gilt ausschließlich für mich, sie betrifft nur mich und ist nicht der Spiegel einer Gruppenmeinung, die auf das gesamte Projekt PAF projizierbar ist. Es wäre also fein, wenn man schon beobachtet, was der olle Müller immer und immer Schlimmes schreibt, die Brille zu putzen, den Verstand zu schärfen und im Zweifel oder bei Fragen den Butten "Nachricht Senden" mal anzuklicken. Vielleicht nämlich erhöht eine verbesserte Kommunikation auch das Verständnis füreinander... Aber sicher ist das einfach zu vermessen, einem Typen wie dem Müller eine Nachricht zu schreiben. Welche*r der Damen und Herren Räte lässt sich schon auf diese Stufe herab... 

Der is numa, wie er is, da änderste nix mehr... lassn labern... aber was er labert interessiert dann doch irgendwie... ein bisschen schizophren ist das schon, oder?

 

Aber was ging dem voraus?

Da muss ich etwas weiter vorn ansetzen. 2011 hatten einige Jugendliche und jung Gebliebene die Möglichkeit, sich im Rahmen eine Kunstprojektes im thüringischen Pößneck, das so unbekannt wie optisch schön ist, in einer ehemaligen HO Kaufhalle kreativ auszuleben. Schnell bildete sich ein Kreis von fast hundert Menschen, die Ausstellungen, Party, Konzerte und Lesungen organisierten und genossen. Nach wenigen Wochen war der Zauber schon wieder vorbei, aber die Energie eines Willens blieb, endlich einen Freiraum zu haben, in dem man sich entfalten kann, frei von autoritärem Einfluss, Öffnungszeiten und strengem Regelwerk.

Nach Gesprächen mit der Stadt und der örtlichen Wohnungsgesellschaft sprach man dem nun gegründeten Verein „Pößneck Alternativer Freiraum“ ein Haus zu, Altbau, mehrstöckig, ohne Strom und fließend Wasser. Man könnte meinen, dass die Verantwortlichen der Stadt darauf setzten, dass sich das ganze Projekt in weniger als zwei Jahren in Wohlgefallen auflösen wird und das Tohuwabohu um eine kleine Gemeinde freidenkender Menschen zerfällt. Dem allerdings war nicht so. Innerhalb der letzten Jahre wurde aus- und umgebaut, Kabel gezogen, Rohre installiert, Strom und Wasser angeschlossen. Eine Werkstatt entstand ebenso, wie diverse Arbeitsgruppen, wie die AG Kunst und Kultur, die für eine durchaus erfolgreiche Lesereihe in den letzten zwei Jahren verantwortlich zeichnete. Oftmals mit Unterstützung der „Partnerschaft für Demokratie im Saale Orla Kreis“ die im Rahmen des Bundesprogrammes Denk Bunt Projekte im demokratischen Sinne unterstützt.

Die AG Geschichtswerkstatt erstellte unter maßgeblicher Federführung des Erziehungswissenschaftler Philipp Gliesing eine Broschüre über „jüdisches Leben in Pößneck“ und besuchte mehrere Tage die Gedenkstätte KZ Buchenwald, wo nach internierten Pößnecker Bürger*innen geforscht wurde.

Seit zwei Jahren wird das Projekt „Freiraum“ immer bekannter auch unter internationalen Künstlern und Musikern. Im Veranstaltungsraum mit seiner kleinen Bühne und einer Bar spielten Bands aus Dänemark, Schweden, Schottland und natürlich Deutschland. Dabei gab es keine Genre-Festlegung. Ob Liedermacher, Hip Hop, Hardcore, Rock, Metal, Punkrock oder Elektropartys, für jeden Geschmack war etwas dabei.

 

Der anfangs nicht unberechtigt schlechte Ruf des Hauses und seiner von außen sicher als seltsam bezeichneten Betreiber wurde besser und besser, die Zahl der Gäste wuchs und die Schulden, die ein solches Projekt nun einmal anhäuft am Anfang, konnten gedeckelt werden.

Der Laden brummte, könnte man sagen, die letzten Monate des Jahres waren ausgebucht und anfragende Bands mussten weit in zweite Halbjahr des kommenden Jahres vertröstet werden.

Bis der Auflagenbescheid der städtischen Behörden ins Haus flatterte und vorerst alle weiteren Konzerte untersagte. Brandschutz, bautechnische Fragen und Beschwerden aus der Nacbarschaft, wegen Ruhestörung wurden als Gründe aufgeführt.

 

Zunächst war da der Gedanke der Rebellion, der der Frage folgte: „Warum ausgerechnet jetzt?“

Aber Rebellion, das wussten alle Mitglieder, brachte in solchen Phasen vorerst nichts, also entschied man sich auf ein Entgegenkommen und strebte eine kooperative, friedliche Lösungsfindung an. Ein Termin zur Ortsbegehung fand statt, der ergab, dass es wohl eine Weile dauern würde, bis die Regler des Mischpults wieder hoch geschoben werden könnten und Leben die Bühne und die Tanzfläche füllt.

Ohne Konzerte aber hat der Verein kaum Einnahmen und somit ist fraglich, wie lange die Miete, die Nebenkosten und die Versicherung gezahlt werden können.

In diesem Sinne stellte ein Vertreter der Grünen im Stadtrat, der ein Sympathisant des Projektes ist, einen Antrag im Stadtrat, Rederecht für den Vereinsvorsitzenden zu erteilen, um die Lage des Freiraums klar und deutlich darzulegen. Dies, um gemeinsam mit der Stadt Lösungen zu finden, wie es schnell und reibungslos weitergehen kann.

Einen Tag vorher postete ich bei Facebook folgenden Aufruf:

 

Am morgigen Donnerstag findet im Pößnecker Rathaus die Stadtratssitzung statt. Das interessiert mich im Normalfall genauso wenig, wie die Meisten von euch.

Morgen allerdings steht auf Tagesordnungspunkt 10 die Anfrage der Grünen bezüglich des PAF - Pößneck Alternativer Freiraum e.V. und seine Finanzierungsmöglichkeit via musikalischer Veranstaltungen, die dem Verein vor einigen Wochen per behördlichem Bescheid genommen wurde.

Ohne Konzerte hat der Verein nur wenig Einnahmen, somit können die laufenden Kosten nur schwer bis gar nicht gedeckt werden.

Deshalb ist es wichtig, dass morgen so viele Menschen wie möglich gesittet, ohne irgendwelche Transparente und/oder Parolen am

Donnerstag, 2.11. 2017 18.30 Uhr

vor dem Rathaus stehen, um zu zeigen, wie wichtig der Freiraum in Pößneck ist...“

 

Das stieß offenbar bei so manchem der Räte übel auf. Nicht, weil ich aufrief, dass so viele Menschen wie möglich da sein sollten, sondern wegen der Formulierung, dass wohl die wenigsten meiner Facebookfreunde eine Stadtratssitzung Pößneck interessieren wird. Dass das allerdings auf der Hand liegt, bei Freunden, die vorwiegend nicht in oder um Pößneck leben, schien nicht logisch zu sein, zumindest bei den Herren Räten, die sich daran hochziehen wollten und mussten. Dass auch ich mich wenig für den Stadtrat interessiere, hatte ich mit diesem Satz ebenfalls gesagt und zugegeben: Dem ist so. Warum allerdings dem so ist, wurde weder ge- noch hinterfragt. Es ist als quasi ein gegenseitiges Desinteresse vorhanden, was sicherlich Gründe hat. Was mich betrifft, so habe ich die, sie hier aufzuführen halte ich für unwichtig, denn ich denke, dass eben dies zu einer durchaus konstruktiven Diskussion unter den Betroffenen führen könnte, so denn seitens der Stadt tatsächlich der Wunsch besteht, auch unliebsame, großmäulige Bürger wie meine Wenigkeit in den Dialog zu holen, um herauszufinden, wie denn die Meinung in der Stadt verteilt und vertreten sind. Denn die Stadt ist eben nicht der Stadtrat oder die Stadtmarketing GmbH und die Behörden, sondern die Menschen, die in ihr leben.

Das mag zu Anfang arrogant und narzisstisch klingen, ist es aber keineswegs, denn es sind Gedanken eines Einzelnen, die wohl bei genauerer Betrachtung jede*r hat.

Nun wurden meine Worte, die ich bei Facebook poste, den mehr als zwanzig Vertreter*innen des Vereins zur Stadtratssitzung in den Mund gelegt, es wurde ausgetan, als sei ich ein Sprachrohr des Vereins, und gebe eine Allgemeine Meinung kund, was jedoch für ein inaktives Vereinsmitglied nicht im Geringsten zutreffen kann. „Die haben ja alle kein Interesse an der Stadt, warum soll die Stadt dann an denen Interesse haben.“ wurde so oder so ähnlich geäußert.

Ebenso wurde der Redeantrag von Tagesordnungspunkt zehn auf drei verlegt, damit alsbald wieder Ruhe und Sitte herrsche im Ratssaal, denn wo kommen wir hin, wenn da mehr als zwanzig Leute sitzen, die die Stadt durch ihre Anwesenheit erpressen wollen. Dies als Vermutung eines fast kollektiven Gedankens.

Schlussendlich kam wohl nicht wirklich etwas bei heraus. Der Vereinsvorsitzende dankte der Stadt für die bisherige Zusammenarbeit der letzten fünf Jahre und stellte noch einmal das von Anfang an offen formulierte Nutzungskonzept des Hauses vor, das eben seit der ersten Minute auch Konzerte vorsah, was offenbar akzeptiert wurde. Natürlich kann eine solche Vorstellung keine Lösungen für ein solch komplexes Problem binnen weniger Minuten oder Stunden verursachen. Davon ging keiner aus. Gesprächsangebote seitens des Bürgermeisters wurden formuliert, was dankbar angenommen wurde.

Es wird sich also zeigen, was die Zukunft bringt.

 

Ich werde weiter beobachten und kein Blatt vor den Mund nehmen, denn am Ende, das hoffe ich, begreifen diejenigen, denen ich mit meinen Äußerungen wohl auf den tief hängenden Schlips getreten bin, am Ende also bin nicht ich der Verein. Im Gegenteil. Ich bin eher ein Konsument des Angebots, auch, wenn ich lange als stellvertretender Vorsitzender das Wachsen des Projektes begleitet und mit angeschoben habe. Es muss gesagt sein, dass ich seit nunmehr einem halben Jahr lediglich inaktives Mitglied bin, mir aber so viel an dem Projekt liegt, wie einer Menge anderer Menschen in der Stadt und darüber hinaus. Das aber macht mich noch nicht zum Sprachrohr einer Masse, einer Bewegung, eines Vereins. Ich rede also, lieber mitlesender Rat, ausschließlich für mich und aus mir, meine Ambition und meine Emotion, meine Bewegung und meine Gedanken sind es, die ich verfasse und veröffentliche, meine, und keines Anderen.

Lese-Touren sind kein Vergnügen

 

Ein kleiner Rückblick auf die SDL HerbstTour 2017 

 

 

Nun ist diese Scheiß SDL Tour beendet. Ich bin, ehrlich gesagt, heilfroh. Touren sind nämlich echt anstrengend. Vielleicht bin ich auch zu alt für den Mist. Vielleicht habe ich in den letzten Jahren zu exzessiv gelebt, so dass mein Körper schon viel zu ausgezehrt ist und auf den letzten Töpfen läuft?! Keine Ahnung. Aber wirklich… Touren sind anstrengend. Nicht wegen der Lesungen selbst. Die sind meistens sehr gut. Obwohl ich mich nach dieser Tour nur bruchstückhaft an die einzelnen Gigs erinnern kann.

Die meisten Veranstalter sind feine Leute. Du kommst, wirst umsorgt, man stellt dir direkt Bier auf den Tisch. Und genau da beginnt das Problem:

 

 

Du schleppst dich von Suff zu Suff, während die Zwischenzeiten ausgefüllt sind von Kopfschmerzen, Trägheit, Müdigkeit, Matsch im Hirn und diesem üblen Geschmack von zu viel Bier und noch viel mehr Zigaretten. Das ist immer übel, denn du bist nicht wirklich bei dir.

Der Abend, die lange Nacht, dröhnen noch nach und es ist, als liege eine Art Schleier um dich herum. Du fühlst nichts. Außer deinen Magen… der liegt wie ein Stein in deinem Wanst und du ahnst das kommende Sodbrennen schon. Du kannst dich auch kaum an etwas erinnern.

Und während du es versuchst, kleckern Nachrichten an dir vorbei, denn klar, du hast ja auch noch ein Leben neben der Tour. Ständig geht das Telefon. Irgendwelche Leute wollen irgendwas von dir wissen, Online-Smalltalk mit Freunden, du antwortest, wenn überhaupt, kurz und knapp und meinst: Das merke ich mir und gehe nach der Tour genauer darauf ein. Aber du kannst dich ja nicht mal mehr so richtig an die Lesung von gestern erinnern.

Veranstalter oder Dagebliebene erzählen dir dann, wie geil es war, dass die Performance ein Erlebnis ist. „Der Strip von Benni… herrlich“, „Kruppe, ich wusste gar nicht, dass du singen kannst?!“ - scheiße denkst du… „ich hab doch nicht wirklich gesungen oder?“

 

Deine Gedanken kreisen um die Frage, ob es Videoaufnahmen gibt, dass du dir ansehen kannst, ob und wie du dich blamiert hast, aber es scheint nichts dergleichen zu existieren, sonst stünde es schon im Netz… Tranig scrollst du dich durch die Parallelwelt und findest nichts dergleichen. Glück gehabt. Wenn du dich also blamiert hast, haben es höchsten 30 Leute gesehen. Oder… wie viele waren gestern da? „Und habe ich mich dann noch mit wem unterhalten? Und wenn ja, worüber?“

„Wegen des Buches, das du mir empfohlen hast heute Nacht...“ fragt einer „Wie heißt das nochmal?“ und dir liegt die Frage auf der Zunge: „Wer bistn du?“ Das würde aber zu unhöflich wirken also sagst du „Ähm… ich weiß nicht mehr genau, über welches Buch wir gesprochen haben?!“ Eigentlich sollte die Frage lauten: „Haben wir uns unterhalten, ja?“

So glitscht das Passierende über dich und nichts geschieht wirklich… Irgendwann, nach dem ersten Kaffee und der manchmal zur Verfügung stehenden ersten festen Nahrung setzt du dich ins Auto und fährst mit der Müdigkeit einer langen Nacht in den Augen zur nächsten Location.

Der Kater ist wie ein Fels, den zu überwinden du heute für unmöglich hältst.

An der nächsten Location:

Während das erste Bier gar nicht geht, weil sich dein Körper mit allem was er hat massiv dagegen wehrt und du es mehr reinknüppelst, als dass du es trinkst, geht das zweite schon etwas besser. Das Dritte dann hebt den Schleier. Aufbauen, mit dem Veranstalter quatschen, smalltalk…

„Wo ward ihr in den letzten Tagen?“

„Greiz, Leipzig, Braunschweig, Meerbusch, Karlsruhe…“ sagst du.

„Und wo geht’s noch hin?“ „Morgen noch Gera, dann Bielefeld und ….“

„Ey… Bielefeld gibt’s doch gar nicht“ …

 

Wie dem auch sei… weiter aufbauen und Smalltalk mit den ersten Gästen. Inzwischen bist du beim fünften Bier und fragst dich, wo das noch hinführen soll. Sechs Tage geht das nun schon so, drei liegen noch vor dir. Kollege Schmidt hat einen blutigen Harnwegsinfekt, die Augenringe werden immer dunkler, immer tiefer ziehen sich die Ränder des Exesses ins Gesicht. Dir rebellieren Magen und Darm, der Rücken schmerzt, unter den Rippen seit vorgestern so ein komischer Druck. Herz? Lunge?

Egal… es geht los. Der erste Bühnenschnaps macht die Zunge locker und bringt die Euphorie, die du brauchst, endlich wieder vor dem Mikro zu sitzen. Das Lampenfieber, das ja eigentlich gut ist, hast du dir ohnehin schon weggesoffen.

Während du liest, trinkst du weitere fünf, sechs Bier und meinst, immer besser zu werden… aber… ist das so? Das Publikum honoriert den Zustand, es muss also so sein.

Pause… smalltalk, trinken… letzte halbe Stunde… noch zwei Bier, unzählige Zigaretten, weil du immer dann rauchst, wenn dein Kollege liest. Und er liest immer so ewig lange Texte. Dabei willst du selber noch diesen und jenen, ach und den neuen eigentlich auch… nein warte… die wollen grad eher was lustiges hörn, weil Schmidt mal wieder einen Downer bringt. Ok, also erst diesen hier… genau, und dann einfach den derben Kriegstext hinten dran hängen, soll der Schmidt sehen, wie er da wieder raus kommt und das Publikum auf Laune bringt. Aus einer halben Stunde wird eine Stunde. Es zwickt der Gedanke, dass du das Publikum nun eigentlich schon fast peinigst. Es muss langsam Schluss sein. Aber du wolltest doch diesen einen Text hier lesen… scheiße, dann eben morgen. Noch ein Bier, noch ein paar Zigaretten, dankende Worte, Werbeblock, Ende…

Gespräche, an die du dich am nächsten Tag nicht erinnerst… Die meisten Gäste gehen im Laufe einer Stunde, einige sind hartnäckig, bleiben, halten dich wach, zwingen dich, weiterzutrinken, denn jetzt ist es eh egal… der Veranstalter packt noch eine Flasche Whisky aus und du fragst dich, wie du den nächsten Tag überleben sollst, wie du auf einer Bühne sitzen sollst und das Publikum dort genauso befriedigen kannst, wie heute… nach so einer Nacht, denkst du, kann das nichts werden und doch….

Morgens aufstehen. Schmidt säuft schon wieder das dritte Konterbier. Wie macht der das nur ohne zu kotzen, ohne dass er einfach auf der Stelle umfällt, nach nunmehr sieben Tagen Dauersuff? Schmiersuff, wie es Kollege Heinz Strunk einst beschrieb.

Und dann trinkst du deinen Kaffee, isst ein Brötchen. Nicht weil du Hunger hast, sondern weil die Vernunft es dir befiehlt, verabschiedest dich, steigst ins Auto und fährst dich durch die verkaterte Müdigkeit zur nächsten Location…

 

Das erste Bier gar nicht geht, weil sich dein Körper mit allem was er hat massiv dagegen wehrt und du es mehr reinknüppelst, als dass du es trinkst, geht das zweite schon etwas besser. Das Dritte dann hebt den Schleier. Aufbauen, mit dem Veranstalter quatschen, smalltalk…

 

 

 

Also wirklich… Touren sind anstrengend... aber ich machs verdammt gern... 


Ein Tod ist eine Tragödie

Das Wartezimmer ist auch nach zwei langen Kapiteln in Roger Willemsens Buch „Die Enden der Welt“ nicht merklich leerer geworden und so krame ich die Kladde aus dem Rucksack und gebe nichts auf die Blicke der Leute, die wohl Verwunderung sprechen, oder eine schwache Abscheu, weil sie meinen, ich will mich mit dem Schreiben aus der Menge heben.

Geflüster der Schamhaften. Die Überzeugten sprechen laut und unterhalten das unfreiwillige Publikum. Ein Jugendlicher in Sportsachen redet und redet und redet, fragt seine Freundin, was sie heute Abend essen will. Die Frage stellt er laut und schaut sich aus den Augenwinkeln um. Sein Blick gleitet wie das Licht eines Leuchtturmes im Radius seiner Augenwinkelmöglichkeit, um zu sehen, wer die sorgsame Bekümmerung mitbekommt und ihm stillen Respekt zollt. Doch den entschärft er gleich wieder. Er würde kochen, sagt er und schlägt Pudding vor. Oder Gurkensalat. KOCHEN hat er gesagt! PUDDING meint er! Was Gurkensalat jetzt mit Kochen zu tun hat, entzieht sich meiner Kenntnis bezüglich kulinarischer Köstlichkeiten.

Im anderen Teil des zwei-zimmrigen Wartebereiches reden zwei ältere Frauen, tauschen ihre Schmerzen, Krankheiten und Wehwehchen auf Verbalebene aus, beschweren sich über das Altern und leiden laut. Klischee im Wartezimmer.

Ich indes ertrage schweigend den Hunger während ein groß Gewachsener im besten Alter herein kommt, mürrisch „guten Tag“ sagt und die beiden Flüchtlinge grimmig ansieht, die still und eingeschüchtert wirkend am Ende des Raumes eher kauern als sitzen.

Ich will nicht länger dem Jogginganzug zuhören, der seiner Freundin noch immer Essensvorschläge unterbreitet und ziehe mich gedanklich zurück.

David Bowie ist im Alter von 69 Jahren gestorben. Das ergreift schon... irgendwie. Es ist das seltsame Konstrukt der Pop-Kunst im modernen Zeitalter. Uns entgeht nichts mehr.

Man hat das Gefühl, einen Menschen zu „verlieren“, den man gut kennt, ohne ihn auch nur einmal wirklich gesehen, gesprochen, gefühlt zu haben. Man kennt die Figur, den Menschen jedoch kennt man nicht, aber das vergisst man schnell. Und dann trauert man, als sei ein Freund gestorben.

Ähnlich wars erst vor kurzem mit Lemmy. Nicht ganz so bei Achim Menzel und doch: man nimmt Notiz, erschrickt, ist betroffen und stellt fest: wieder einer weg, während überall auf der Welt die Menschen zu tausenden sterben. Allerdings interessiert diese anonyme Masse nicht, oder nur bedingt. Nur wenige trauern um sie, denn „Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik! “ wie ein alter französischer Witz sagt.

Ich glaube, diese Betroffenheit, diese freie Entscheidung, zu trauern, liegt daran, dass wir alle in einer Zeit der Härte leben. Härte wird uns beigebracht, eingetrichtert. Wir müssen hart sein, allem und jedem gegenüber, um selbst zu bestehen, sagt man uns. Oft ist uns allen zum Heulen zumute, aber wer seinen Tränen freien Lauf lässt, ist schwach, ist angreifbar, ist verdächtig, in dieser unseren Gesellschaft nicht bestehen zu können. Also brauchen wir Gründe, um mal ordentlich traurig sein zu können, offen zu heulen, zu trauern, der Melancholie, die uns eigentlich fest im griff hat, endlich einmal Platz zu geben. Und da kommt uns der Tod eines Stars gerade recht. Jetzt können wir traurig sein, verzweifelt, wir können heulen wie die Schlosshunde und uns mit dem Ableben eines „Freundes“ rechtfertigen.

Als Michael Jackson starb -ich erinnere mich noch recht gut- kam meine damalige Schwiegermutter, eine wirklich coole Frau, ins Zimmer ihrer Tochter, unter Tränen, hochrot im Gesicht und überbrachte die „schreckliche Nachricht“. Am Abend der Beerdigung des „King of Pop“ saß sie dann vor dem Fernseher und in den Werbepausen trafen wir uns auf dem Balkon zum Rauchen. Sie sah aus, als wäre ihre Mutter gestorben.

Ähnlich wars bei Prinzessin Diana. Die halbe Welt stürzte in ein kollektives Trauern. Und ich wage zu behaupten: alles Projektion! Alles nicht echt. Zumindest nicht so echt, wie sie alle vorgaben, dass es echt sei.

Es ist, wie schon gesagt, nichts als die Rechtfertigung vor der Kälte einer eigentlich warmen Gesellschaft, in der sich aber eben keiner traut, diese seine Wärme auch zu zeigen.

Deshalb frage ich mich wieder und wieder: sollten wir nicht einfach alle ein bisschen Kälte abstreifen? Sollten wir nicht alle ein bisschen zusammenrücken? Sollten wir uns nicht lieber über das Sterben auf der Welt bewusst sein und darüber, dass auch wir eines Tages von der Bildfläche verschwinden werden? Sollten wir nicht aus eben diesem Grund lieber versuchen, aus unserem Leben das Beste zu machen? Mit einem bisschen mehr Wärme, einem bisschen mehr Menschlichkeit, einem bisschen mehr Empathie, auch uns selbst gegenüber?

 


Gedanken zum Krieg

Mir ist schlecht. In meinem Magen dreht und windet sich alles. Es ist, als stünde ich unter Schock, obwohl ich die Bilder doch kenne. Diese und viele andere. Ob sie aus dem Osten der Ukraine sind, aus Syrien oder Paris, New York, Damaskus, Aleppo, Kobane oder Kairo oder oder oder.

Schreiende, verzweifelte Menschen, weinende Männer, Frauen, die in lauten Klagen zu ersticken scheinen, Kinder, die nach ihrer Mutter rufen, die im schreienden Weinen ein Warum in die Welt werfen, das ich nicht beantworten kann. Du kannst es vielleicht? Oder deine Nachbarin? Wir, die wir den Krieg nicht kennen. Wir, die wir Tod und Zerstörung durch Bomben nicht kennen. Wir, die wir friedlich in diesen Tagen beisammen sitzen und Angst haben vielleicht vor der Zukunft, weil wir das Auto nicht mehr bezahlen können, den Kredit. Wir, die wir uns beraubt sehen, wenn wir nicht jeden zweiten Tag ein zartes Stück Fleisch auf dem Teller liegen haben. Wir, die wir in den Supermarkt rennen, wenn das Wochenende bevorsteht, oder ein Feiertag, wie die Geier auf ein frisches Stück Aas.

 

Mir ist schlecht. Richtig kotzübel ist mir. Meine Hände zittern, ich bin nicht bei mir und kann und will mich gerade auch nicht ablenken lassen. Der Bildschirm vor mir ist wieder weiß. Am unteren Rand prangen die Symbole des Fortschritts. Mozilla, Google Chrome, Media Player, PDF Reader, Schreibprogramm. Eben waren da noch die jüngsten Bilder aus Syrien. Kampfjets die an einem wolkenlos blauen Himmel ihre Bahnen ziehen, aus denen schwarze Flecken fallen. Die Kamera folgt diesen Flecken, zoomt und das Wissen bestätigt, was gleich passieren wird. Ein lauter Knall, keine hundert Meter entfernt von dem, der filmt und panisch etwas auf arabisch sagt. Der Aufschlag, Trümmer fliegen wild umher, Qualm und Rauch stieben ausufernd in diesen azurnen Himmel, der binnen Sekunden in einem gelben Braun untergeht.

Schnitt. Ich sehe einen Mann, der ein blutendes Kind auf dem Arm hält, vielleicht sechs, vielleicht sieben Jahre. Er rennt auf die Kamera zu, ruft etwas, das Kind schreit, Blut und Dreck und Staub und Blut … und Blut … überall.

 

Ja, mir ist schlecht. Und ich weiß, dass mir schlecht wird, wenn ich solche Bilder sehe. Aber ich werde mich nicht abwenden. Und wenn ich kotzen muss, kotze ich! Aber ich werde mich nicht abwenden. Und ich werde auch das nächste, das übernächste Video sehen und mir wird schlecht werden und ich ringe mit einer ohnmächtigen Verzweiflung weil ich das Warum dieses kleinen Jungen nicht beantworten kann. Ich könnte ihm etwas von wirtschaftlichen Interessen erzählen, von geostrategischer Politik und davon, dass es Menschen gibt, denen es egal ist, wer wie und wann durch was stirbt, solange sie ihre Belange durchsetzen können. Und ich könnte ihm nicht einmal erklären, was genau das für Belange sind und warum es Menschen gibt, die ihr Leben daran verschwenden, anderen Menschen den Tod zu bringen, Verderben zu bringen. Ich könnte dem Kleinen nicht erklären, weswegen Menschen ihre Lebzeit nicht dafür nutzen, für sich selbst etwas zu tun, genügsam die Gesundheit und den Frieden zu feiern, in einem Häuschen mit Frau und Kind das eigene Leben zu fokussieren. Ich könnte nicht erklären, warum Menschen die Belange einer Welt interessieren, die so weit weg ist und mit dem eigenen Leben rein gar nichts zu tun haben müssen. Auch deshalb ist mir schlecht.

 

Aber was mache ich hier? Ich sitze, schaue diese Videos, spüre diese tiefe Traurigkeit, die sich mit der Wut einer Ohnmacht mischt, weil ich vermeintlich handlungsunfähig bin. Ich höre den Satz in mir, den so viele sagen: „Was kann ICH schon dagegen tun?“ Und ich frage mich, wo der Effekt bleibt, der all die zusammen bringt, die diesen Satz denken. Denn wir alle sind es doch, die all das zulassen. Und ich weiß nicht, was wir, wenn wir dann zusammenkommen, dagegen tun können. Es nützt ja nichts, sich zu Tausenden auf die Straße zu stellen.

Im Jahr 2003 demonstrierte ich mit weltweit mehr als drei Millionen Menschen gegen den zweiten Golfkrieg, den die Staaten mit 9/11 legitimierten. Was nützte das? Es wurde wahr genommen. Am Ende wurde es allenfalls belächelt, denn „alle Macht geht vom Volke aus“ ist längst ein Witz geworden in den Etagen über unseren Köpfen. Dort, wo Entscheidungen getroffen werden interessiert nicht, was die Menschen denken. Und das macht mich so hilflos. Was soll es anderes geben, als eine weltweite Revolution, einen Aufstand gegen den Kapitalismus, der zweifelsohne eine Wurzel all dieser Kriege ist. Was kann ich tun gegen religiösen Fanatismus, ob er nun islamisch, christlich, jüdisch ist, die zweite Wurzel? Und wie soll man den Menschen in zum Beispiel Syrien erklären, dass eine Radikalisierung nichts als weiteres Blutvergießen bringen wird? Wie soll man den Männern, die ihre Frauen, ihre Kinder, wie soll man den Kindern, die ihre Geschwister, ihre Eltern verloren haben erklären, dass der IS oder was auch immer für eine radikal-religiöse Gruppierung nicht die Lösung der Probleme sein wird. Wie soll man den durchaus verständlichen Wunsch nach Rache deinstallieren, ohne dabei zu urteilen, zu verbieten?

 

All das „Dagegen“ klingt stets nach Gewalt. Und Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen, ist wie den Versuch zu unternehmen, ein Feuer mit Benzin zu löschen, weil man gelernt hat, dass Flüssigkeit Feuer bekämpft.

Und so wir mir wohl weiter schlecht sein. Ich werde wieder und wieder Bilder sehen, in denen Kinderleichen beweint werden, in denen unschuldige Menschen, die mit all dem Machtgebaren nicht das Geringste zu tun haben, außer eben da zu leben, wo die macht ihre Dolchspitze aufsetzt, verzweifeln sehen, weinen und schreien sehen, sterben sehen.

Mir wird wieder und wieder schlecht werden, aber wegsehen kann und will ich nicht.  


Gedanken zum 12.12. 2015 in Leipzig

15.12.

Draußen ist es fast noch Nacht. Träge dämmert sich der Dezembermorgen in den Tag, als wolle er die Zeit verschleppen und die Menschen mahnen, liegen zu bleiben, die warme Geborgenheit ihrer Betten nicht zu verlassen, damit sie ausruhen. Aus – Ruhen. Im schläfrigen Nichtstun verharren, bis eine Energie da ist, die den Körper befällt, und dabei ruft: „Jetzt! Lass uns etwas machen!“

Ich stelle mir die Frage, ob sie das noch kennen, die Menschen, dieses Aus – Ruhen. Und beim vagen Beantworten komme ich einmal mehr zu einem Exkurs über System und Gesellschaft, über Staat und Missstand, weswegen ich die Konzentration zu verlagern versuche, denn ich schrieb es nun so häufig und frage mich selbst: Wie oft denn nur noch? Zu welchem Zweck? Auskotzen, nur um des Auskotzens Willen?

Du musst den Eindruck bekommen, dass sich mein Leben nur um dieses Thema dreht, um dieses leidlose Leid, das uns auferlegt ist und das wir wehrlos ertragen, das zu viele Menschen als solches gar nicht empfinden, weil sie taub gemacht sind und gelähmt. Und wenn es Menschen gibt, die sich dann wehren, weil die eben die sind, die all das doch noch spüren und darunter zuweilen zerbrechen, die dann zum Beispiel zu Hunderten in Leipzig auf der Straße stehen und Haltestellen auseinander nehmen, Banken und Supermärkte entglasen, Autos und Mülltonnen anzünden, weil die Wehr- und scheinbare Nutzlosigkeit gegenüber Staat und System diese Konsequenz ganz einfach provoziert, dann sind es „Radikale, Extremisten oder Vollidioten“. Selbst in den Augen vieler eigentlich (politisch) Gleichgesinnter sind diese Menschen dann „Dummköpfe und/oder Krawalltouristen“.

Und es mag durchaus sein, dass bei solchen Ausschreitungen Leute dabei sind, die nicht unbedingt als die hellsten Kerzen auf der sauren Torte leuchten, aber das reicht nicht als begründendes Argument. Im Gegenteil ist das recht einfach gedacht.

Ich ahne, dass es bis zu dieser Stelle hier einige geschafft haben, die nun allmählich das Weiterlesen als sinnlos erachten, weil ja doch nur ein Plädoier eines Linksextremisten für Linksextremisten folgt, eine Verteidigungsschrift für alle Gewalt gegen gewisse Feindbilder von Links. Doch bitte: ich bin weder Linksextrem noch der Anwalt der Zerstörung. Nichts liegt mir ferner, als Zersörung zu rechtfertigen, denn auch ich halte dies für kontraproduktiv, vor allem dann, wenn es -wie wohl auch in Leipzig am Wochenende des 12.12.15- kleine Läden trifft, Existenzen von Menschen, die aus dem Arbeitnehmer-Sumpf ausgestiegen sind, vielleicht am Rande ihrer Existenz krauchen und jeden Pfennig dreimal umdrehen. Vor allem dann, wenn es das Privateigentum anderer, unbeteiligter Menschen trifft, und ist der Stern vorn am Auto noch so groß. Auch ich halte das dann für eine törichte, dem politischen Ziel entgegentretende Handlung.

 

Aber wir sehen eben nur, was wir sehen wollen. Wir sehen, was wir sehen sollen und urteilen, wie uns Nase und geistige Fähigkeit gewachsen sind, ohne dabei aus reichlicher Entfernung die Dinge zu betrachten und diese Betrachtungen dann mit Fragezeichen zu versehen.

Wir sehen im jüngsten Beispiel Mülltonnen brennen. Wir sehen schwarz gekleidete Vermummte Steine werfen, die kurz darauf vor dem brennenden Rauch der Gasgranaten wegrennen oder die selben aufheben und in Richtung Polizeikette zurückschleudern. Wir sehen triefnasse Demonstranten, die vom mit Reizstoffen versetzten Wasser der Wasserwerfer auf Distanz gehalten werden. Wir hören etwas von mehr als vierzig verletzten Beamten.

Dass aber ein Großteil dieser statistischen Verletzungen durch -um es einmal im militärischen Jargon zu sagen- „friendly fire“ verursacht wurden, weil die Uniformierten in den Rauch ihrer eigenen ätzenden Waffen gerieten, spielt dabei offensichtlich keine Rolle.

 

Hören wir die Zahl der verletzten Demonstranten? Hören wir hier Genaues heraus? Und … fragen wir uns nach dem Verhältnis zwischen verletztem Polizist, der (schwer) gepanzert und bewaffnet Opfer wurde und dem verletzten „Rowdie“, der durch Tonfa-Schläge auf Kopf und Gliedmaßen, durch quarzbehandschuhte Faustschläge ins Gesicht, durch brutales Treten und rücksichtsloses Stoßen verletzt wurde? Sehen wir da eine Verhältnismäßigkeit, gar eine Ungerechtigkeit?

 

Ein junger Mann liegt bewusstlos am Boden. Umringt von etlichen Beamten. Eine stark blutende Platzwunde am Kopf. Vor ihm eine Handteller große Blutlache auf dem Asphalt. Die Beamten werden plötzlich scheinbar panisch, schlagen ihn auf die Wangen, auf dass er wieder zu sich kommt. Hektisch wird eine Rettungsdecke aus der Tasche gezogen, der Junge eilige zugedeckt. Wir sehen, wie dieser junge Mann auf einer Bahre liegend, in den Krankenwagen geschoben wird und dabei, noch immer bewusstlos, epileptisch zuckt.

Andere Bilder zeigen eine junge Journalistin die versucht, solche Unverhältnismäßigkeiten mit ihrer Kamera zu dokumentieren. Wir sehen, wie ein gepanzerter Cop auf sie zu rennt, schreiend, und ihr gegen den Kopf schlägt, während ein anderer Polizist (am Rande der Szene) einem weiteren Journalist Pfefferspray direkt und aus nächster Nähe ins Gesicht sprüht.

Steht das im Verhältnis zu einem Beamten mit verätzten Augen aus dem Granatwerfer eines Kollegen? Steht das im Verhältnis zu einem Stein, der einen Helm, einen Panzer trifft?

Ich höre, wie jemand sagt, dass durch „diese Idioten normale Familien mit Kindern und völlig Unbeteiligte“ in Mitleidenschaft gezogen wurden, weil auch sie Opfer dieser Tränengasgranaten waren. Ich frage: Haben die Demonstranten das Gas eingesetzt oder sollten wir grundsätzlich einmal fragen, warum solche WAFFEN überhaupt verwandt werden (müssen)?

 

Und nun fragen wir weiter und uns nach dem Warum solcher Ausschreitungen am Beispiel Leipzig am 12.12.2015:

Eine Stadt die es zulässt, dass Nazis durch ein linkes Viertel laufen -und sei es nur am Rand-, ein Viertel, das bekannt ist für seine Bewohner und deren Umgang mit solchen Gegebenheiten, diese Stadt WILL, dass solche Bilder entstehen. Diese Stadt WILL die Eskalation. Ich unterstelle sogar: Diese Stadt WILL ganz bewusst provozieren. Wer weiß, welche längst geplanten Maßnahmen durch diese gewollten Ausschreitungen gerechtfertigt und begründet werden (sollen)?

Nun kann man natürlich in Rede stellen, dass „die Autonomen so blöd sind“, dieser Stadt genau das zu geben was sie wollte. Und in gewisser Weise ist dieser Rede stattzugeben, ABER:

Warum kuschen vor diesem doppelmoralistischen System? Weswegen artig dieses provokante Spiel mitspielen? Wieso akzeptieren und hinnehmen, was im Grunde nicht akzeptabel und hinnehmbar ist? „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“ hieß es an anderer Stelle einmal.  

Und nun stellen wir uns vor:

Ein junger Mensch, von System und Staat gegängelt, im Ausleben seiner Sturm- und Drangzeit gehindert, weil er zu schwach für dieses Spiel „Arbeit Leben Zukunft“ und diese Gesellschaft ist, die permanente Stärke verlangt, steht dem sozialen Unter- und wirtschaftlichen Abstieg gegenüber. Ein junger Mensch, der wütend ist, weil er nicht sein kann, nicht sein darf, wie er gern sein würde. Ein junger Mensch, der überzeugt ist von einer Art des Zusammenlebens, die ihm durch „Recht und Gesetz“ verboten ist. Ein junger Mensch mit Idealen, mit Zielen, Wünschen und Ängsten.

 

Dieser junge Mensch stellt sich an einem Samstag von morgens um acht an auf die Straße, um die Demokratie im Definitionssinn und also auch das System zu verteidigen, auf das sich der Staat beruft (auch, wenn er nicht in seinem definierten Ziel handelt) und ist von da an mit einer brutalen Polizeiarmee konfrontiert, die ihm (zunächst) grundlos in die Fresse schlägt, weil er die falschen Klamotten an hat, zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort ist, oder einfach eben jenem optischen Muster des feindseligen Linken unterliegt. Dieser junge Mensch sieht zu, wie seine Freunde verprügelt und verhaftet werden, wie die Nazis unbescholten ihre Demo abhalten können, ohne dass es zugelassen ist, wie im Grundgesetz verankert, in Sicht- und Hörweite eine Gegendemonstration zu veranstalten. Dieser junge Mann sieht, dass er - und mit ihm viele junge Leute - kriminalisiert werden, weil sie die Werte einer eigentlich humanistischen Gesellschaft verteidigen, während überall im Land Asylunterkünfte brennen ohne erkennbare Bewegung in der Aufklärung, in der Erfolgsrate der Ermittlungen gegen die Brandstifter. Dieser junge Mann sieht tagtäglich, wie rechtes Gedankengut verharmlost wird, während er einer Anwesenheit in einem brisanten Viertel wegen, von einem Uniformierten einen Schlag ins Gesicht bekommt. Dieser junge Mann steht plötzlich im Rauch einer Gasgranate, wird mit ätzendem Wasser bespritzt und wollte doch eigentlich nur sein Votum gegen rechts aussprechen.

 

Irgendwann greift dieser junge Mann, weil er seiner Ohnmacht kein anderes Ventil zu geben imstande ist, zum Stein, den er dann in Richtung Polizei wirft, schließlich haben „die“ ihn ja auch ohne erkennbaren Grund geschlagen, schließlich haben „die“ ja auch eine bis dahin friedliche Kundgebung angegriffen, seine Freunde verhaftet, ihre Handys einbehalten. Dieser junge Mann sieht, dass es nicht wirklich etwas bringt, einer gepanzerten Armee Steine entgegenzuschleudern und er wird nur noch wütender, weil die Spirale der Gewalt sich ins Unermessliche schraubt. Aus dieser immer größer werden Wut wird das immer stärker werdende Gefühl der Ohnmacht, die Wehrlosigkeit wird zu einer beißenden Verzweiflung und all das sucht eine Veräußerung, sucht ein Ventil und findet es in unbedachter Affekthandlung. Der Gruppendynamische Prozess heizt das Ganze weiter an, denn dieser junge Mann ist einer von Vielen, denen es genauso geht und so eskaliert die Sache in einem „offenen Straßenterror", wie es jüngst OB Burkhard Jung völlig fehl am Platz äußerte, denn „Straßenterror“ kenne ich als Begriff aus der NS Zeit, der sich auf die SA bezieht.

Ein Element des Straßenterrors war, dass er von uniformierten Gruppen ausgeübt wurde. Sie demonstrierten damit ihre Zahl, mit der sie in einem öffentlichen Raum (Straße, Versammlungssaal o.ä.) auftraten. Die Uniform erleichterte es auch, bei Straßenschlachten oder Massenschlägereien 'Freund und Feind' auseinanderzuhalten.„ - weiß wikipedia. Und nun müsste ich an dieser Stelle die unzähligen Videos und Presseberichte bezüglich der Polizeigewalt einfügen, die ich nicht nur über Leipzig am 12.12.15 gespeichert habe, sondern seit Jahren sammle, nur, um einen optischen, an diesen Satz bei wikipedia angepassten Vergleich herzustellen.  

Und lass mich das abschließend sagen: Nein, ich vergleiche die Polizei nicht mit SA oder SS! Nein, ich bin keiner derjenigen, die „ACAB“ schreien, schreiben, schmieren, als Button oder Patch an der Jacke oder Spruch auf dem T-Shirt tragen, denn ich widerspreche dieser Aussage mit Grund und Recht, denn nicht alle Cops sind Bastarde, im Gegenteil.

Nein, ich will die Eskalation nicht verharmlosen oder rechtfertigen, denn ja, ich sehe sie auch eher kritisch und, wie ich eingangs schon erwähnte, kontraproduktiv. ABER, ich bin nicht blind und (ver-)urteile, ohne hinter das Eigentliche zu blicken und einigen von euch da draußen würde diese Methode gut zu Gesicht stehen!