Ein Tod ist eine Tragödie

Das Wartezimmer ist auch nach zwei langen Kapiteln in Roger Willemsens Buch „Die Enden der Welt“ nicht merklich leerer geworden und so krame ich die Kladde aus dem Rucksack und gebe nichts auf die Blicke der Leute, die wohl Verwunderung sprechen, oder eine schwache Abscheu, weil sie meinen, ich will mich mit dem Schreiben aus der Menge heben.

Geflüster der Schamhaften. Die Überzeugten sprechen laut und unterhalten das unfreiwillige Publikum. Ein Jugendlicher in Sportsachen redet und redet und redet, fragt seine Freundin, was sie heute Abend essen will. Die Frage stellt er laut und schaut sich aus den Augenwinkeln um. Sein Blick gleitet wie das Licht eines Leuchtturmes im Radius seiner Augenwinkelmöglichkeit, um zu sehen, wer die sorgsame Bekümmerung mitbekommt und ihm stillen Respekt zollt. Doch den entschärft er gleich wieder. Er würde kochen, sagt er und schlägt Pudding vor. Oder Gurkensalat. KOCHEN hat er gesagt! PUDDING meint er! Was Gurkensalat jetzt mit Kochen zu tun hat, entzieht sich meiner Kenntnis bezüglich kulinarischer Köstlichkeiten.

Im anderen Teil des zwei-zimmrigen Wartebereiches reden zwei ältere Frauen, tauschen ihre Schmerzen, Krankheiten und Wehwehchen auf Verbalebene aus, beschweren sich über das Altern und leiden laut. Klischee im Wartezimmer.

Ich indes ertrage schweigend den Hunger während ein groß Gewachsener im besten Alter herein kommt, mürrisch „guten Tag“ sagt und die beiden Flüchtlinge grimmig ansieht, die still und eingeschüchtert wirkend am Ende des Raumes eher kauern als sitzen.

Ich will nicht länger dem Jogginganzug zuhören, der seiner Freundin noch immer Essensvorschläge unterbreitet und ziehe mich gedanklich zurück.

David Bowie ist im Alter von 69 Jahren gestorben. Das ergreift schon... irgendwie. Es ist das seltsame Konstrukt der Pop-Kunst im modernen Zeitalter. Uns entgeht nichts mehr.

Man hat das Gefühl, einen Menschen zu „verlieren“, den man gut kennt, ohne ihn auch nur einmal wirklich gesehen, gesprochen, gefühlt zu haben. Man kennt die Figur, den Menschen jedoch kennt man nicht, aber das vergisst man schnell. Und dann trauert man, als sei ein Freund gestorben.

Ähnlich wars erst vor kurzem mit Lemmy. Nicht ganz so bei Achim Menzel und doch: man nimmt Notiz, erschrickt, ist betroffen und stellt fest: wieder einer weg, während überall auf der Welt die Menschen zu tausenden sterben. Allerdings interessiert diese anonyme Masse nicht, oder nur bedingt. Nur wenige trauern um sie, denn „Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik! “ wie ein alter französischer Witz sagt.

Ich glaube, diese Betroffenheit, diese freie Entscheidung, zu trauern, liegt daran, dass wir alle in einer Zeit der Härte leben. Härte wird uns beigebracht, eingetrichtert. Wir müssen hart sein, allem und jedem gegenüber, um selbst zu bestehen, sagt man uns. Oft ist uns allen zum Heulen zumute, aber wer seinen Tränen freien Lauf lässt, ist schwach, ist angreifbar, ist verdächtig, in dieser unseren Gesellschaft nicht bestehen zu können. Also brauchen wir Gründe, um mal ordentlich traurig sein zu können, offen zu heulen, zu trauern, der Melancholie, die uns eigentlich fest im griff hat, endlich einmal Platz zu geben. Und da kommt uns der Tod eines Stars gerade recht. Jetzt können wir traurig sein, verzweifelt, wir können heulen wie die Schlosshunde und uns mit dem Ableben eines „Freundes“ rechtfertigen.

Als Michael Jackson starb -ich erinnere mich noch recht gut- kam meine damalige Schwiegermutter, eine wirklich coole Frau, ins Zimmer ihrer Tochter, unter Tränen, hochrot im Gesicht und überbrachte die „schreckliche Nachricht“. Am Abend der Beerdigung des „King of Pop“ saß sie dann vor dem Fernseher und in den Werbepausen trafen wir uns auf dem Balkon zum Rauchen. Sie sah aus, als wäre ihre Mutter gestorben.

Ähnlich wars bei Prinzessin Diana. Die halbe Welt stürzte in ein kollektives Trauern. Und ich wage zu behaupten: alles Projektion! Alles nicht echt. Zumindest nicht so echt, wie sie alle vorgaben, dass es echt sei.

Es ist, wie schon gesagt, nichts als die Rechtfertigung vor der Kälte einer eigentlich warmen Gesellschaft, in der sich aber eben keiner traut, diese seine Wärme auch zu zeigen.

Deshalb frage ich mich wieder und wieder: sollten wir nicht einfach alle ein bisschen Kälte abstreifen? Sollten wir nicht alle ein bisschen zusammenrücken? Sollten wir uns nicht lieber über das Sterben auf der Welt bewusst sein und darüber, dass auch wir eines Tages von der Bildfläche verschwinden werden? Sollten wir nicht aus eben diesem Grund lieber versuchen, aus unserem Leben das Beste zu machen? Mit einem bisschen mehr Wärme, einem bisschen mehr Menschlichkeit, einem bisschen mehr Empathie, auch uns selbst gegenüber?

 


Gedanken zum Krieg

Mir ist schlecht. In meinem Magen dreht und windet sich alles. Es ist, als stünde ich unter Schock, obwohl ich die Bilder doch kenne. Diese und viele andere. Ob sie aus dem Osten der Ukraine sind, aus Syrien oder Paris, New York, Damaskus, Aleppo, Kobane oder Kairo oder oder oder.

Schreiende, verzweifelte Menschen, weinende Männer, Frauen, die in lauten Klagen zu ersticken scheinen, Kinder, die nach ihrer Mutter rufen, die im schreienden Weinen ein Warum in die Welt werfen, das ich nicht beantworten kann. Du kannst es vielleicht? Oder deine Nachbarin? Wir, die wir den Krieg nicht kennen. Wir, die wir Tod und Zerstörung durch Bomben nicht kennen. Wir, die wir friedlich in diesen Tagen beisammen sitzen und Angst haben vielleicht vor der Zukunft, weil wir das Auto nicht mehr bezahlen können, den Kredit. Wir, die wir uns beraubt sehen, wenn wir nicht jeden zweiten Tag ein zartes Stück Fleisch auf dem Teller liegen haben. Wir, die wir in den Supermarkt rennen, wenn das Wochenende bevorsteht, oder ein Feiertag, wie die Geier auf ein frisches Stück Aas.

 

Mir ist schlecht. Richtig kotzübel ist mir. Meine Hände zittern, ich bin nicht bei mir und kann und will mich gerade auch nicht ablenken lassen. Der Bildschirm vor mir ist wieder weiß. Am unteren Rand prangen die Symbole des Fortschritts. Mozilla, Google Chrome, Media Player, PDF Reader, Schreibprogramm. Eben waren da noch die jüngsten Bilder aus Syrien. Kampfjets die an einem wolkenlos blauen Himmel ihre Bahnen ziehen, aus denen schwarze Flecken fallen. Die Kamera folgt diesen Flecken, zoomt und das Wissen bestätigt, was gleich passieren wird. Ein lauter Knall, keine hundert Meter entfernt von dem, der filmt und panisch etwas auf arabisch sagt. Der Aufschlag, Trümmer fliegen wild umher, Qualm und Rauch stieben ausufernd in diesen azurnen Himmel, der binnen Sekunden in einem gelben Braun untergeht.

Schnitt. Ich sehe einen Mann, der ein blutendes Kind auf dem Arm hält, vielleicht sechs, vielleicht sieben Jahre. Er rennt auf die Kamera zu, ruft etwas, das Kind schreit, Blut und Dreck und Staub und Blut … und Blut … überall.

 

Ja, mir ist schlecht. Und ich weiß, dass mir schlecht wird, wenn ich solche Bilder sehe. Aber ich werde mich nicht abwenden. Und wenn ich kotzen muss, kotze ich! Aber ich werde mich nicht abwenden. Und ich werde auch das nächste, das übernächste Video sehen und mir wird schlecht werden und ich ringe mit einer ohnmächtigen Verzweiflung weil ich das Warum dieses kleinen Jungen nicht beantworten kann. Ich könnte ihm etwas von wirtschaftlichen Interessen erzählen, von geostrategischer Politik und davon, dass es Menschen gibt, denen es egal ist, wer wie und wann durch was stirbt, solange sie ihre Belange durchsetzen können. Und ich könnte ihm nicht einmal erklären, was genau das für Belange sind und warum es Menschen gibt, die ihr Leben daran verschwenden, anderen Menschen den Tod zu bringen, Verderben zu bringen. Ich könnte dem Kleinen nicht erklären, weswegen Menschen ihre Lebzeit nicht dafür nutzen, für sich selbst etwas zu tun, genügsam die Gesundheit und den Frieden zu feiern, in einem Häuschen mit Frau und Kind das eigene Leben zu fokussieren. Ich könnte nicht erklären, warum Menschen die Belange einer Welt interessieren, die so weit weg ist und mit dem eigenen Leben rein gar nichts zu tun haben müssen. Auch deshalb ist mir schlecht.

 

Aber was mache ich hier? Ich sitze, schaue diese Videos, spüre diese tiefe Traurigkeit, die sich mit der Wut einer Ohnmacht mischt, weil ich vermeintlich handlungsunfähig bin. Ich höre den Satz in mir, den so viele sagen: „Was kann ICH schon dagegen tun?“ Und ich frage mich, wo der Effekt bleibt, der all die zusammen bringt, die diesen Satz denken. Denn wir alle sind es doch, die all das zulassen. Und ich weiß nicht, was wir, wenn wir dann zusammenkommen, dagegen tun können. Es nützt ja nichts, sich zu Tausenden auf die Straße zu stellen.

Im Jahr 2003 demonstrierte ich mit weltweit mehr als drei Millionen Menschen gegen den zweiten Golfkrieg, den die Staaten mit 9/11 legitimierten. Was nützte das? Es wurde wahr genommen. Am Ende wurde es allenfalls belächelt, denn „alle Macht geht vom Volke aus“ ist längst ein Witz geworden in den Etagen über unseren Köpfen. Dort, wo Entscheidungen getroffen werden interessiert nicht, was die Menschen denken. Und das macht mich so hilflos. Was soll es anderes geben, als eine weltweite Revolution, einen Aufstand gegen den Kapitalismus, der zweifelsohne eine Wurzel all dieser Kriege ist. Was kann ich tun gegen religiösen Fanatismus, ob er nun islamisch, christlich, jüdisch ist, die zweite Wurzel? Und wie soll man den Menschen in zum Beispiel Syrien erklären, dass eine Radikalisierung nichts als weiteres Blutvergießen bringen wird? Wie soll man den Männern, die ihre Frauen, ihre Kinder, wie soll man den Kindern, die ihre Geschwister, ihre Eltern verloren haben erklären, dass der IS oder was auch immer für eine radikal-religiöse Gruppierung nicht die Lösung der Probleme sein wird. Wie soll man den durchaus verständlichen Wunsch nach Rache deinstallieren, ohne dabei zu urteilen, zu verbieten?

 

All das „Dagegen“ klingt stets nach Gewalt. Und Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen, ist wie den Versuch zu unternehmen, ein Feuer mit Benzin zu löschen, weil man gelernt hat, dass Flüssigkeit Feuer bekämpft.

Und so wir mir wohl weiter schlecht sein. Ich werde wieder und wieder Bilder sehen, in denen Kinderleichen beweint werden, in denen unschuldige Menschen, die mit all dem Machtgebaren nicht das Geringste zu tun haben, außer eben da zu leben, wo die macht ihre Dolchspitze aufsetzt, verzweifeln sehen, weinen und schreien sehen, sterben sehen.

Mir wird wieder und wieder schlecht werden, aber wegsehen kann und will ich nicht.  


Gedanken zum 12.12. 2015 in Leipzig

15.12.

Draußen ist es fast noch Nacht. Träge dämmert sich der Dezembermorgen in den Tag, als wolle er die Zeit verschleppen und die Menschen mahnen, liegen zu bleiben, die warme Geborgenheit ihrer Betten nicht zu verlassen, damit sie ausruhen. Aus – Ruhen. Im schläfrigen Nichtstun verharren, bis eine Energie da ist, die den Körper befällt, und dabei ruft: „Jetzt! Lass uns etwas machen!“

Ich stelle mir die Frage, ob sie das noch kennen, die Menschen, dieses Aus – Ruhen. Und beim vagen Beantworten komme ich einmal mehr zu einem Exkurs über System und Gesellschaft, über Staat und Missstand, weswegen ich die Konzentration zu verlagern versuche, denn ich schrieb es nun so häufig und frage mich selbst: Wie oft denn nur noch? Zu welchem Zweck? Auskotzen, nur um des Auskotzens Willen?

Du musst den Eindruck bekommen, dass sich mein Leben nur um dieses Thema dreht, um dieses leidlose Leid, das uns auferlegt ist und das wir wehrlos ertragen, das zu viele Menschen als solches gar nicht empfinden, weil sie taub gemacht sind und gelähmt. Und wenn es Menschen gibt, die sich dann wehren, weil die eben die sind, die all das doch noch spüren und darunter zuweilen zerbrechen, die dann zum Beispiel zu Hunderten in Leipzig auf der Straße stehen und Haltestellen auseinander nehmen, Banken und Supermärkte entglasen, Autos und Mülltonnen anzünden, weil die Wehr- und scheinbare Nutzlosigkeit gegenüber Staat und System diese Konsequenz ganz einfach provoziert, dann sind es „Radikale, Extremisten oder Vollidioten“. Selbst in den Augen vieler eigentlich (politisch) Gleichgesinnter sind diese Menschen dann „Dummköpfe und/oder Krawalltouristen“.

Und es mag durchaus sein, dass bei solchen Ausschreitungen Leute dabei sind, die nicht unbedingt als die hellsten Kerzen auf der sauren Torte leuchten, aber das reicht nicht als begründendes Argument. Im Gegenteil ist das recht einfach gedacht.

Ich ahne, dass es bis zu dieser Stelle hier einige geschafft haben, die nun allmählich das Weiterlesen als sinnlos erachten, weil ja doch nur ein Plädoier eines Linksextremisten für Linksextremisten folgt, eine Verteidigungsschrift für alle Gewalt gegen gewisse Feindbilder von Links. Doch bitte: ich bin weder Linksextrem noch der Anwalt der Zerstörung. Nichts liegt mir ferner, als Zersörung zu rechtfertigen, denn auch ich halte dies für kontraproduktiv, vor allem dann, wenn es -wie wohl auch in Leipzig am Wochenende des 12.12.15- kleine Läden trifft, Existenzen von Menschen, die aus dem Arbeitnehmer-Sumpf ausgestiegen sind, vielleicht am Rande ihrer Existenz krauchen und jeden Pfennig dreimal umdrehen. Vor allem dann, wenn es das Privateigentum anderer, unbeteiligter Menschen trifft, und ist der Stern vorn am Auto noch so groß. Auch ich halte das dann für eine törichte, dem politischen Ziel entgegentretende Handlung.

 

Aber wir sehen eben nur, was wir sehen wollen. Wir sehen, was wir sehen sollen und urteilen, wie uns Nase und geistige Fähigkeit gewachsen sind, ohne dabei aus reichlicher Entfernung die Dinge zu betrachten und diese Betrachtungen dann mit Fragezeichen zu versehen.

Wir sehen im jüngsten Beispiel Mülltonnen brennen. Wir sehen schwarz gekleidete Vermummte Steine werfen, die kurz darauf vor dem brennenden Rauch der Gasgranaten wegrennen oder die selben aufheben und in Richtung Polizeikette zurückschleudern. Wir sehen triefnasse Demonstranten, die vom mit Reizstoffen versetzten Wasser der Wasserwerfer auf Distanz gehalten werden. Wir hören etwas von mehr als vierzig verletzten Beamten.

Dass aber ein Großteil dieser statistischen Verletzungen durch -um es einmal im militärischen Jargon zu sagen- „friendly fire“ verursacht wurden, weil die Uniformierten in den Rauch ihrer eigenen ätzenden Waffen gerieten, spielt dabei offensichtlich keine Rolle.

 

Hören wir die Zahl der verletzten Demonstranten? Hören wir hier Genaues heraus? Und … fragen wir uns nach dem Verhältnis zwischen verletztem Polizist, der (schwer) gepanzert und bewaffnet Opfer wurde und dem verletzten „Rowdie“, der durch Tonfa-Schläge auf Kopf und Gliedmaßen, durch quarzbehandschuhte Faustschläge ins Gesicht, durch brutales Treten und rücksichtsloses Stoßen verletzt wurde? Sehen wir da eine Verhältnismäßigkeit, gar eine Ungerechtigkeit?

 

Ein junger Mann liegt bewusstlos am Boden. Umringt von etlichen Beamten. Eine stark blutende Platzwunde am Kopf. Vor ihm eine Handteller große Blutlache auf dem Asphalt. Die Beamten werden plötzlich scheinbar panisch, schlagen ihn auf die Wangen, auf dass er wieder zu sich kommt. Hektisch wird eine Rettungsdecke aus der Tasche gezogen, der Junge eilige zugedeckt. Wir sehen, wie dieser junge Mann auf einer Bahre liegend, in den Krankenwagen geschoben wird und dabei, noch immer bewusstlos, epileptisch zuckt.

Andere Bilder zeigen eine junge Journalistin die versucht, solche Unverhältnismäßigkeiten mit ihrer Kamera zu dokumentieren. Wir sehen, wie ein gepanzerter Cop auf sie zu rennt, schreiend, und ihr gegen den Kopf schlägt, während ein anderer Polizist (am Rande der Szene) einem weiteren Journalist Pfefferspray direkt und aus nächster Nähe ins Gesicht sprüht.

Steht das im Verhältnis zu einem Beamten mit verätzten Augen aus dem Granatwerfer eines Kollegen? Steht das im Verhältnis zu einem Stein, der einen Helm, einen Panzer trifft?

Ich höre, wie jemand sagt, dass durch „diese Idioten normale Familien mit Kindern und völlig Unbeteiligte“ in Mitleidenschaft gezogen wurden, weil auch sie Opfer dieser Tränengasgranaten waren. Ich frage: Haben die Demonstranten das Gas eingesetzt oder sollten wir grundsätzlich einmal fragen, warum solche WAFFEN überhaupt verwandt werden (müssen)?

 

Und nun fragen wir weiter und uns nach dem Warum solcher Ausschreitungen am Beispiel Leipzig am 12.12.2015:

Eine Stadt die es zulässt, dass Nazis durch ein linkes Viertel laufen -und sei es nur am Rand-, ein Viertel, das bekannt ist für seine Bewohner und deren Umgang mit solchen Gegebenheiten, diese Stadt WILL, dass solche Bilder entstehen. Diese Stadt WILL die Eskalation. Ich unterstelle sogar: Diese Stadt WILL ganz bewusst provozieren. Wer weiß, welche längst geplanten Maßnahmen durch diese gewollten Ausschreitungen gerechtfertigt und begründet werden (sollen)?

Nun kann man natürlich in Rede stellen, dass „die Autonomen so blöd sind“, dieser Stadt genau das zu geben was sie wollte. Und in gewisser Weise ist dieser Rede stattzugeben, ABER:

Warum kuschen vor diesem doppelmoralistischen System? Weswegen artig dieses provokante Spiel mitspielen? Wieso akzeptieren und hinnehmen, was im Grunde nicht akzeptabel und hinnehmbar ist? „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“ hieß es an anderer Stelle einmal.  

Und nun stellen wir uns vor:

Ein junger Mensch, von System und Staat gegängelt, im Ausleben seiner Sturm- und Drangzeit gehindert, weil er zu schwach für dieses Spiel „Arbeit Leben Zukunft“ und diese Gesellschaft ist, die permanente Stärke verlangt, steht dem sozialen Unter- und wirtschaftlichen Abstieg gegenüber. Ein junger Mensch, der wütend ist, weil er nicht sein kann, nicht sein darf, wie er gern sein würde. Ein junger Mensch, der überzeugt ist von einer Art des Zusammenlebens, die ihm durch „Recht und Gesetz“ verboten ist. Ein junger Mensch mit Idealen, mit Zielen, Wünschen und Ängsten.

 

Dieser junge Mensch stellt sich an einem Samstag von morgens um acht an auf die Straße, um die Demokratie im Definitionssinn und also auch das System zu verteidigen, auf das sich der Staat beruft (auch, wenn er nicht in seinem definierten Ziel handelt) und ist von da an mit einer brutalen Polizeiarmee konfrontiert, die ihm (zunächst) grundlos in die Fresse schlägt, weil er die falschen Klamotten an hat, zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort ist, oder einfach eben jenem optischen Muster des feindseligen Linken unterliegt. Dieser junge Mensch sieht zu, wie seine Freunde verprügelt und verhaftet werden, wie die Nazis unbescholten ihre Demo abhalten können, ohne dass es zugelassen ist, wie im Grundgesetz verankert, in Sicht- und Hörweite eine Gegendemonstration zu veranstalten. Dieser junge Mann sieht, dass er - und mit ihm viele junge Leute - kriminalisiert werden, weil sie die Werte einer eigentlich humanistischen Gesellschaft verteidigen, während überall im Land Asylunterkünfte brennen ohne erkennbare Bewegung in der Aufklärung, in der Erfolgsrate der Ermittlungen gegen die Brandstifter. Dieser junge Mann sieht tagtäglich, wie rechtes Gedankengut verharmlost wird, während er einer Anwesenheit in einem brisanten Viertel wegen, von einem Uniformierten einen Schlag ins Gesicht bekommt. Dieser junge Mann steht plötzlich im Rauch einer Gasgranate, wird mit ätzendem Wasser bespritzt und wollte doch eigentlich nur sein Votum gegen rechts aussprechen.

 

Irgendwann greift dieser junge Mann, weil er seiner Ohnmacht kein anderes Ventil zu geben imstande ist, zum Stein, den er dann in Richtung Polizei wirft, schließlich haben „die“ ihn ja auch ohne erkennbaren Grund geschlagen, schließlich haben „die“ ja auch eine bis dahin friedliche Kundgebung angegriffen, seine Freunde verhaftet, ihre Handys einbehalten. Dieser junge Mann sieht, dass es nicht wirklich etwas bringt, einer gepanzerten Armee Steine entgegenzuschleudern und er wird nur noch wütender, weil die Spirale der Gewalt sich ins Unermessliche schraubt. Aus dieser immer größer werden Wut wird das immer stärker werdende Gefühl der Ohnmacht, die Wehrlosigkeit wird zu einer beißenden Verzweiflung und all das sucht eine Veräußerung, sucht ein Ventil und findet es in unbedachter Affekthandlung. Der Gruppendynamische Prozess heizt das Ganze weiter an, denn dieser junge Mann ist einer von Vielen, denen es genauso geht und so eskaliert die Sache in einem „offenen Straßenterror", wie es jüngst OB Burkhard Jung völlig fehl am Platz äußerte, denn „Straßenterror“ kenne ich als Begriff aus der NS Zeit, der sich auf die SA bezieht.

Ein Element des Straßenterrors war, dass er von uniformierten Gruppen ausgeübt wurde. Sie demonstrierten damit ihre Zahl, mit der sie in einem öffentlichen Raum (Straße, Versammlungssaal o.ä.) auftraten. Die Uniform erleichterte es auch, bei Straßenschlachten oder Massenschlägereien 'Freund und Feind' auseinanderzuhalten.„ - weiß wikipedia. Und nun müsste ich an dieser Stelle die unzähligen Videos und Presseberichte bezüglich der Polizeigewalt einfügen, die ich nicht nur über Leipzig am 12.12.15 gespeichert habe, sondern seit Jahren sammle, nur, um einen optischen, an diesen Satz bei wikipedia angepassten Vergleich herzustellen.  

Und lass mich das abschließend sagen: Nein, ich vergleiche die Polizei nicht mit SA oder SS! Nein, ich bin keiner derjenigen, die „ACAB“ schreien, schreiben, schmieren, als Button oder Patch an der Jacke oder Spruch auf dem T-Shirt tragen, denn ich widerspreche dieser Aussage mit Grund und Recht, denn nicht alle Cops sind Bastarde, im Gegenteil.

Nein, ich will die Eskalation nicht verharmlosen oder rechtfertigen, denn ja, ich sehe sie auch eher kritisch und, wie ich eingangs schon erwähnte, kontraproduktiv. ABER, ich bin nicht blind und (ver-)urteile, ohne hinter das Eigentliche zu blicken und einigen von euch da draußen würde diese Methode gut zu Gesicht stehen!