Leseproben:

Seltsame Begegnung

Ich war Kurierfahrer

und zuckelte seit Monaten jede Nacht

durch den Thüringer Wald.

Ich hatte stets ein Sixpack dabei,

um über die Nacht zu kommen

und überlegte schon seit ner Stunde,

mir ein Bier aufzumachen.

Irgendwo kurz vor Suhl,

auf den Serpentinen,

runter in diese Kessel-Stadt,

stand plötzlich hinter einer Kurve,

ein riesiger Hirsch auf der Straße.

Ich ging auf die Eisen

und kam mit quietschenden Reifen,

drei, vier Meter vor ihm zu stehen.

Das juckte ihn gar nicht.

Er stand da wie eine Statue

und starrte mich aus seinen 5 Mark Stück großen,

schwarz-braunen Augen an.

Ich starrte zurück

und bestaunte das majestätische Geweih,

versuchte die Enden zu zählen,

war aber zu aufgeregt,

denn dieses Tier war von überwältigender Größe.

Er stand da,

starrte

und machte keine Anstalten,

weiterzugehen.

Die Straße war zu schmal,

um ihn herumzufahren,

war nicht möglich.

Entweder wäre ich im Graben gelandet,

oder der Hirsch hätte den alten Renault Rapid

einfach zertrampelt.

„Abblenden!“ schoss es mir in den Kopf.

Irgendwo hatte ich mal gelesen,

dass Wildtiere von grellem Licht

paralysiert werden.

Ich blendete also ab,

aber der Hirsch stand, wo er stand

und starrte mich an,

als wolle er mir etwas sagen.

„Wenn du jetzt aussteigst,“ dachte ich,

„macht er dich platt.“

Aber die Zeit kniff,

ich war ohnehin schon zu spät dran.

Irgendwie musste ich das Vieh von der Straße kriegen.

Ich schaltete das Licht aus.

Nichts geschah.

Ich hupte wie ein Wahnsinniger,

der Hirsch stand und starrte.

Ich riss die Tür auf und schrie:

„Verpiss dich du dämliches Mistvieh!“

aber der Hirsch stand und starrte.

Ich resignierte und drehte mir eine Kippe.

„Dann eben nicht.“ dachte ich und griff zum Sixpack

auf den Beifahrersitz.

„Scheiß was drauf, soll er dich platt machen.“

sagte ich und stieg aus dem Auto,

lehnte mich an die Front des Rapids,

steckte mir die Zigarette an,

öffnete mit einem lauten Plopp das Bier

und prostete meinem Gegenüber zu.

Nun schien es, als nickte er mir zu.

Sein mächtiges Geweih wackelte leicht,

dann zwinkerte er,

als wolle er sagen:

„Na geht doch!“

und trabte ganz langsam,

wie es sich für einen König gehört

in den Wald.  


Verwirrt

Ginsberg schrieb in einem Brief an Kerouac:

„Ich bin arm! Ich schreibe nichts und ich frage mich:

Geht Schreiben in Armut nicht?“

Er muss verwirrt gewesen sein,

denn gerade in der Armut geht schreiben

doch ganz gut?!

Aber ja …

er war verwirrt.

Es war die Zeit,

als er gerade aus der Klappse

entlassen worden war,

wo man ihm einredete

er könne seine Homosexualität

ganz einfach heilen

indem er sich zwingt,

sich auf Frauen einzulassen.

Und er ließ sich auf eine Frau ein. 


Auszug aus:

Freddi hat doch Angst vor Frauen

Das Runde Eck war beinahe leer, als ich an diesem Abend in die verrauchte Kneipe kam. Kaum, dass ich meinen Platz an der Bar eingenommen hatte, stellte mir Steven wortlos mein Bier auf den Tresen. Ich liebe dieses Stammgastdasein. Es braucht nicht vieler Worte und egal, was für eine Laune dein Wirt hat, egal, wie gut oder schlecht du drauf bist, du weißt, wo du hingehörst und dass du verstanden wirst. Du musst nicht viel reden und diese seltsamen wie allgemein bekannten Beklemmungen, wenn in einer Runde keiner etwas sagt, treten gar nicht auf. Du hast deine Ruhe, wenn du deine Ruhe haben willst, oder bist blitzschnell in einer Diskussion, wenn du Redebedarf hast. Und wenn sich die Kneipe abends füllt, ist es, wie wenn sich eine große Familie nach getanem Tatwerk, wie auch immer das aussah, gemeinsam an den Tisch setzt und für sich da ist.

 

Kurz nach fünf war es schon. Draußen erhellte nur noch das orangene Licht der Straßenlaternen das Bild des ereignislosen Sonntagabends eines noch ereignisloseren Februar irgendwann Mitte der 200er. Ein lebendiges Stillleben. Und auch im Runden Eck war es nun leer. Die Nachmittagsgäste gingen allmählich nach Hause und für die Abendgäste war es noch zu früh. Ich nannte diese Zeit zwischen fünf und acht „die leere Stunde“, im Wissen, dass es sich genau genommen um drei Stunden handelte. Meist aber las oder schrieb ich in dieser Zeit, denn hier hatte ich Ruhe. Hier beengten mich auch nicht die vier Wände meiner Kate, die mir schon lange auf den Geist ging. Ich hasste es, zu hause zu hocken, in diesem dunklen Loch und zog es vor, lieber ein paar Euros pro Abend für Bier auszugeben, als zu Hause auf der Couch zu hocken und vergebens gegen die Müdigkeit zu kämpfen, die mich überkam, sobald ich meine Wohnung betrat, unabhängig von der aktuellen Tages- oder Nachtzeit.

Endlich war es still. Ich hatte Kladde und Stift gerade zurechtgelegt, um die zwei Sätze aufzuschreiben, die mir seit einigen Minuten durch den Kopf gingen. Meist begannen genau so meine Texte. Zwei Sätze, die wie eine Zugmaschine viele weitere nach sich zogen, waren sie erst einmal ausgeschrieben.

 

Ich trank meinen ersten Schluck, blickte auf und sah Freddi draußen vorbei hinken. Wegen seiner neongelben Bauarbeiterjacke mit den fluoreszierenden Streifen an Ärmeln und am unterem Rand, die er immer trug, war er kaum zu übersehen. Gerade in diesem orangenen Licht der Straßenlaternen leuchtet er, wie eine Fackel in mondloser Nacht.

Freddi war einer der Stammgäste. Obwohl Stammgast das falsche Wort war. Mitbewohner war der bessere Begriff, denn Freddi war eigentlich immer da. Er half hin und wieder an der Theke aus, wenn Not am Mann war. Außerdem war er sowas wie der Hausmeister hier. Im Sommer kurbelte er die von Wind und Wetter ausgebleichten Markisen morgens aus- und abends wieder ein, kehrte die Straße, die er im Herbst vom Laub und im Winter von Schnee und Eis befreite. Und Freddi war auch stets der erste in der Runden Ecke, nach dem Wirt, um die Stühle hochzustellen, zu kehren und zu wischen, die Stühle wieder runter zu stellen. Damit verdiente er sich sein Bier, denn Freddi hatte kein richtiges Einkommen.

 

Freddi ... „der mit dem Dachschaden“. So nannten sie ihn hier in der Stadt. Freddi, der analphabetische Sonderling, der meint, unverzichtbarer Feuerwehrmann zu sein und des Nachts auch gern mal als Zivibulle durch die Straßen und Parks der Kleinstadt streifte. Natürlich in dezentem Abstand zu den zu beobachtenden Elementen.

Ich beobachtete ihn eine Weile, wie er draußen an der Kneipe auf und ab hinkte. Das tat er seit Tagen. Hinken… Theatralisch übertrieben zog er sein linkes Bein nach, steif und so auffällig gekünstelt, dass man nicht umhin kam, zu lachen. Zumindest bekam er so Aufmerksamkeit.

 

Aufmerksamkeit, die er nur bekam, wenn er Mitleid erregte. Das hat er so gelernt. Ein intelligenzgeminderter Mensch, der sich frei bewegt, der sich halbwegs artikulieren kann, ist nicht „behindert“ oder geistig retardiert, wie man sagt. So einer maximal ein „Dummer“, eben einer, der einen Dachschaden hat. So einer wird nicht ernst genommen. So einer wird ignoriert. Oder ausgelacht, oder verprügelt. Meist aber ignoriert. Und deshalb erfindet Freddi Verletzungen und Geschichten von Ausbeutungen durch Krankenkassen, Ärzte und Betreuer. So gehen wenigstens eine Hand voll Menschen auf ihn ein, auch, wenn völlig klar ist, dass er lügt.

 

Seit Wochen erzählte Freddi, dass er „morgen ins Krankenhaus“ müsse, dass er kaum laufen könne und humpelte eben übertrieben theatralisch, sobald er in Sichtweite des Biergartens kam, um sich an Tisch zwei zu setzen, was er mit nicht minder theatralischem Stöhnen und schmerzverzerrtem Gesicht tat, sich dabei das Knie hielt und gleich zwei Bier bestellte, weil er das erste „Nachmittagsbier“ wie er es nannte, grundsätzlich in einem Zug austrank. 

 

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