Georgien hat mir gezeigt, dass wir anders leben können, dass wir anders leben sollten, um wieder das zu werden, was wir waren: Menschen!

Georgien hat mir gezeigt, dass wir das können und dass wir verstehen sollten, dass wir eine Gemeinschaft sind, wir Menschen, dass wir einander und nur einander haben.

Georgien hat mir einmal mehr gezeigt, dass ich mit MEINER Lebzeit lieber selbst anfange, was ich meine, damit anfangen zu müssen, denn sie ist das einzige Besitztum in unserem Sein.

»Lange Nächte in Tiflis« – ein Buch über das Reisen.

Vor allem aber über das Ankommen.

 

Bei den anderen und bei sich selbst.


 

Leseproben

Tag eins - 25.12.14

 

Die Schaffnerin lässt ihre Trillerpfeife ertönen, die Türen schließen geräuschvoll und ein dreifaches Piepen verrät die Verrieglung. Akustisches Startsignal einer Endgültigkeit. Kein Zurück mehr. Bis eben hätte ich noch sagen können “lass uns wieder heim fahren, ich will nicht!”

In einer Stunde schon werde ich in Berlin sein. Erstes Zwischenziel einer Reise, wie ich sie noch nie zuvor antrat. Allein, einige Ländergrenzen passierend, wenn ich sie auch fliegend, also eher indirekt überquere.

Ich hätte vor einem Jahr nicht im Traum daran gedacht, jemals in ein Flugzeug zu steigen. Ich hätte es nicht gewagt. Warum auch? Und wohin? Und viel wesentlicher: wovon? Ich beklage mich nicht ob meines geringen “Einkommens”. Hier und da einen Job, nicht selten schlicht von der Stütze lebend, derzeit im Bundesfreiwilligendienst, wie sollte ich mir da einen Flug leisten können. Klar, nach Mallorca, London, Prag oder eine andere der vielen Touristenmetropolen werden recht billig angesteuert. Da fahre ich teurer von Leipzig nach München, als ich ins spanische “Trink-dich-unter-den-Tisch-und-verhalte-dich-möglichst-assozial – Malle ist nur einmal im Jahr” zu fliegen.

 

Lass mal, das ist mir nix! Da habe ich keinen Bock drauf. Wenn ich Spinner und Freaks in typisch deutscher Manier sehen will, gehe ich einfach vor die Tür. Zugegeben in diesen Tagen kaum zu vergleichen, denn auch, wenn der Winter bislang recht mild war, ist es doch (für meine Bedürfnisse) unangenehm draußen.

Natürlich ist immer eine gehörige Menge Neid im Spiel, wenn ich von Freunden höre, wo sie überall schon waren, wenn ich Bücher lese, die Oden an das Reisen singen. Aber was soll‘s, sagte ich mir bislang, ich bin nicht dafür geschaffen, mal hier mal da zu sein. Zumindest nicht, was das Ausland betrifft. Und ehrlich: ist es wichtig, die Welt zu sehen? Ist es wichtig, je in einem Flugzeug gesessen zu haben? Ist es wichtig, unter allen Umständen irgendwie, irgendwo mitreden zu können, wenn es mal wieder heißt: Mein Boot, meine Reise, meine Villa, meine Frau? Ist es wichtig, die Welt in ihren Einzelheiten hautnah zu erkunden?

Bei einigen von euch spüre ich die Empörung, höre die Antwort: natürlich ist es wichtig, die Welt zu sehen. Was sonst willst du mit deinem Leben machen? Weswegen schenkt dir die Fügung so viele Jahre Lebendigkeit, wenn nicht all das auch mit eigenen Augen zu sehen, was dich direkt und indirekt umgibt? Man muss doch blöd sein, sein Leben lang an einem einzigen Fleck zu verbringen…

 

Um Grunde kein falscher Gedanke. Und im Grunde müsste ich froh sein, reisen zu können. Noch vor 25 Jahren wäre das nicht so einfach möglich gewesen. Vielleicht hätte ich eine schmerzende Sehnsucht gehabt, gäbe es den Ostblock, gäbe es die DDR, gäbe es das Reiseverbot noch?! Der Mensch will doch oft eben DAS, was er NICHT kriegen kann. Das trifft zuweilen natürlich auch auf mich zu, aber ich versuche, bewusst diesen Gedanken zu hinterfragen. Was kann ich wirklich wollen, das ich eigentlich nicht brauche? Wieso Luxus und Vermögen, wenn Leben doch wesentlich weniger benötigt? (In weniger als zwei Tagen werde ich darüber anders denken, das weiß ich natürlich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht).

Reisen sind doch in erster Linie Erfahrungen. Zumindest sollten sie dem Zwecke dienen, Erfahrungen zu machen, finde ich. Eine Reise zum Ballermann ist sicherlich auch eine Erfahrung. Allerdings eine, die ich nicht machen will, eine, die ich nicht brauche. Stupides Komasaufen hatte ich genug in meinem Sein, ohne mich dabei zu benehmen, wie ein vierjähriger Rotzlöffel auf großer Fahrt ins Abenteuer der scheinbaren Regellosigkeit.

Der ICE rollt an. Irgendetwas ist seltsam. Nicht hier im Zug, nicht im Bahnhof den wir gerade verlassen, nicht im noch dunklen Leipzig, in das ich aus dem Fenster blicke. In mir ist etwas seltsam.

 

Noch im September konnte ich es kaum erwarten, DEN Anruf zu erhalten, DIE Nachricht zu bekommen, die mich ins Winterlager eines Quintetts von “Abenteuern” einlädt. Seit ich von dem Projekt “leavinghomefunktion” weiß, war ich heiß darauf, irgendwie teilhaben zu können. “Auf dem Landweg von Halle/Saale nach New York”. Das sagt doch fast alles. Fünf Menschen, fünf alte Ural Motorräder, 23 Ländergrenzen, 2 Jahre. So das Vorhaben. Ich war zu Beginn verdammt neidisch, wäre nur zu gern mitgefahren und schloss mich der Sache insofern an, als dass ich anbot, in regelmäßigen Abständen über die Reise zu berichten. Und das tue ich seit September. Veröffentlicht sind die Sachen auf meinem Blog, in den Leserforen von MDR Figaro und der Mittedeutschen Zeitung.

Zum Einen als Dankeschön, zum Anderen, um unsere gemeinsame Arbeit zu intensivieren, kündigten die Fünf bereits bei meinem Besuch vor dem Start des Trips an, mich ins Winterlager, das voraussichtlich in Georgien sein würde, einzuladen. Und ich war gespannt, freute mich über meine ganz persönliche, erste große Reise in meinem Leben, rechnete allerdings keineswegs hundertprozentig damit, dass das auch klappen würde.

 

Ende Oktober erreichten die Fünf das Ziel der ersten Etappe. Zarowanie/Georgien. Die Spannung stieg und eines Tages hatte ich eine Mail von den Damen und Herren mit einem einzigen Satz: “Mister Kruppe, we proudly present: Ihre Onlinebuchung bei Pegasus-Airlines, Hinflug Berlin über Istandbul nach Tiflis am 25.12.14, Rückflug, ebenfalls über Istanbul nach Berlin, am 8.1.15

Einen dezent beherrschten Freudenschrei konnte ich mir nicht verkneifen und fieberte dem ersten Weihnachtsfeiertag entgegen.

Und nun sitze ich hier in diesem ICE. Die Lichter von Leipzig ziehen an mir vorbei, der Himmel ist noch in dieses typisch rötliche Schwarz gehüllt, dass schon in der Ferne von einer größeren Stadt spricht und ein Gedanke denkt sich durch meinen Kopf und hängt sich fest und mischt sich in die seltsame Melancholie, die mich vor einigen Minuten befallen hat. Wo ich noch vor wenigen Monaten alles dafür gegeben hätte, mit den Fünfen mitfahren zu können, sagt eine Stimme in mir: “So richtig ist das doch gar nicht dein Ding! Du bist zu alt geworden?”

Liegt das am Alter, zu sagen, dass zwei Jahre Unsicherheit und ein nicht wirklich planbares in den Tag hinein leben nichts (mehr) für mich sind? Ich weiß es nicht. Noch vor fünf Jahren hätte ich nicht gezögert, hätte man mich gefragt, ob ich nicht mitfahren wöllte, soviel steht fest. Mit dem Alter, so sagt man, kommt die Vernunft und damit meint man wohl etwas Positives. Vernunft aber ist auch oft hin auch eine Bremse, ein kaltes Nichts aus zu viel Wissen, das dich am Leben hindert.

 

Ich bereue also nicht, nicht einmal den Versuch unternommen zu haben, mich als sechster Mann anzubiedern. Schon deshalb nicht, weil ich ahnte, dass viele das versuchen würden. Außerdem hätte ich mich ins gemachte Nest intensiver Vorbereitungsarbeit gesetzt, die schon zu Anfang des Jahres begann. Wie hätte ich mich schlecht dabei gefühlt, Nutznießer dessen zu sein. Es ist so, wie es ist und es ist gut so. Mir reicht der regelmäßige Kontakt zu den drei Mädels und zwei Jungs, um zwei Mal pro Monat einen Reisebricht aus deren Erzählungen oder mir zugesandten Stickpunkten zu verfassen. Auf diese Weise bin ich eben indirekt mit unterwegs, auch, wenn ich eben das Feeling des Draußenseins, des Unterwegsseins nicht wirklich habe.

Dankbarkeit ist also, wie oben schon einmal gesagt, einer der Gründe, weswegen ich heute Morgen tat, was ich noch nie an einem 25. Dezember gemacht habe, nämlich um eine Zeit aufzustehen, zu der ich für gewöhnlich an einem 25.12. erst ins Bett falle, ordnungsgemäß betrunken. Das war ich nicht, auch, wenn es mir schwer fiel, mich von Bier und Wein fern zu halten, wider aller Gewohnheit, wider aller Geselligkeit.

Um vier Uhr klingelte der Wecker. Ich ließ ihn eine halbe Stunde lang im 5 Minuten Rhythmus klingeln, dann schälte ich mich, nach drei Stunden Schlaf, aus dem Bett, schob mich vorbei an dem gepackten BW-Rucksack, der gepackten BW-Reisetasche, die ich beide einst in einer Kaserne klaute, als ich für diesen Online-Versand-Handel arbeitete und auf einem der vielen Stützpunkte Ware holte. Alles Kram, den die Armee aufgrund der Umstellung von Wehrpflicht auf Freiwilligenarmee und deren personeller Reduktion via Großpostenversteigerung verhökerte, vorbei an aussortierten Klamotten, die aufgrund des Packgewichts doch nicht mitfliegen werden, hinein ins morgendlich kalte Bad. Da wusste ich noch nicht, was ein wirklich KALTES Bad ist.

 

Ein Ausflug nach Samgori / Tiflis

Kaum dass wir im Tifliser Stadtteil Samgori aussteigen, den Fuß auf den löchrigen Asphalt des Bürgersteiges setzen, stehen wir inmitten eines Chaos aus Händlern und Käufern, offen herumgammelndem Fleisch und Fisch, Gemüse, Böllern und Raketen, Handys, die schon vor zehn Jahren aus der Mode kamen und von einem Bürgersteig ist im Grunde nichts zu sehen. Der nämlich ist so voller Menschen, dass mein Unwohlsein in Menschenmassen zu einem ausgewachsenen Panikschub wird.

 

Dieser "Markt" erstreckt sich entlang der Hauptstraße über bestimmt mehrere Kilometer und schwappt wie aus Versehen wegen des enormen Platzmangels und der vielen Händler, die alle verkaufen wollen, in die engen Neben- und kleinen Parallelstraßen. Auf jedem Flecken Erde, der noch irgendwie frei war, stehen georgische und armenische Händler, dicht an dicht. Wir gehen in die erstbeste Seitenstraße, denn auf diesem Bürgersteig ist Fortbewegung ein enorm aufwändiges Unterfangen.

 

Es gibt gerade so eine Fahrspur auf der sich schrottreife Autos und Kleinenbusse ananeinader vorbeischieben und nur wenig auf die Passanten achten, die -jeder für sich- selber auf ihre Versehrtheit achten müssen. Körper reibt sich an Körper im Forangetriebenwerden. Es scheint, ganz Tiflis sei auf den Beinen und konzentriert sich an diesem Ort. Dabei ist dieser Markt keine Seltenheit, so dass es Anlass gäbe, "da mal vorbeizuschauen" wie etwa die deutschen Flohmärkte. Dieses Spektakel findet hier jeden Tag statt, sieben Tage die Woche. Popcorn neben Pomelos, die neben aufgehängten toten Hühnern liegen, deren Todesursache durch einen deutlich sichtbaren Klaff im Hals leicht zu erkennen ist, die wiederum neben auf einem Autodach trapierten Ferkeln liegen, die das Zeitliche offensichtlich mit Freude gesegnet haben, denn es scheint, als grinsen sie schäbig weil sie wissen, was für ein erbärmliches Leben vor ihnen gelgen hätte. Es macht den Eindruck, in Anbetracht der auf sie wartenden Hölle auf Erden, die selbst in einem Schwein Todessehnsucht zu wecken imstande wäre, hätten sie im Moment des Todes gedacht ;"Gott sei Dank" und dabei gelächelt. Und eben dieses Lächeln liegt den Ferkeln im Gesicht als würden sie die Szene hier betrachten und sich über die Leute lustig machen.

 

An die Kadaverparade schließt sich die hiesige Sanitärabteilung. Nun Stände mit Waschbecken, Wannen, Schläuchen, Duschbrausen, Wasserhähnen und allem anderen, was das Herz eines nostalgischen Klempners höher schlagen lassen würde.

Hundert Meter weiter endet diese Nebenstraße auf einem Schrottmarkt vor einer hohen Mauer. Keine Ahnung, ob dahinter das Ende Welt ist, oder Bretterverschläge, die den Händlern Behausung sind für die kurzen Nächte, bevor sie einen weiteren 12, 13 Stunden Tag an ihrem kleinen Stand verbringen, um irgendwie Miete, Strom und Wasser bezahlen zu können, damit endlich wieder Licht ist, und Wasser fließt in einem Partikel der Favela-artigen Dörfer. Wenn du denkst, in Deutschland jemals Armut gesehen zu haben, dann empfehle ich dir einen Trip nach Samgori/Tiflis. Hier bettelt jedes Augenpaar in gegerbten Gesichtern mit einer Mischung aus Scham und hungriger Not nach einem Kauf. Die Ärmsten der Armen sind dabei wohl die alten Frauen, die dir hinterherlaufen und dir einzelne Taschentücher beinahe unter die Nase halten, die du für zwei bis drei Cent kaufen kannst.

 

Wir biegen rechts ab und kommen noch tiefer in diese Kärglichkeit. Nur noch irgendwelcher Schrott wird hier feil geboten, rostige Schrauben, krumme Nägel, unbenutzbare Werkzeuge und Plunder, den kein Mensch braucht. Hier unten wird alles verhökert, was man auf der Straße und im Müll findet. Unrat, den selbst der derbste deutsche Messi für wertlos befinden und problemlos wegwerfen könnte. Ich frage mich, ob die ärmlichen Leute hier überhaupt etwas verkaufen am Tag. Ein kleiner Platz, ist die Verbindung zur nächsten Seitentraße. Auf dem schlammigen Boden liegt überall Müll, in dürren Sträuchern wehen Reste von farbigen, halbtransparenten Kunststofftüten, wie du sie vielleicht vom Bäcker am Ort kennst. Durch jene Mischung aus blauen, grünen, roten, gelben Farben in den Zweigen bekommt das Gesamtbild eine Ahnung von tibetanischen Gebetsfahnen. Georgische Gebentsfahnen sind also aus Kunststoff. Auch eine Form des Recyclings.

 

Nun gelangen wir in die Trikotagenabteilung des Marktes. Jacken, T-Shirts, Pullover, Hemden, Jackets, alles, was das Modeherz begehren würde, das vor zwanzig Jahren aufgehört hat, zu schlagen. Strickwaren neben billigen Plagiaten europäischer und U.S. amerikanischer Marken.

Wir schlendern auch hier eher desinteressiert von Stand zu Stand, stets mit einem Aufschrei des schlechten Gewissens begleitet, die Babuschkas mit ihren einzelnen Taschtüchern zu ignorieren.